Hier fängt man an zu grübeln, Vater. Man grübelt und grübelt und versucht, sich zu wappnen, so gut es geht, sein Leben zu panzern. Wie warst du, Vater, als ich nicht da war. Was war das für eine Geschichte mit Großvater, Mamas Vater, der einen Hang mit Sauerkirschbäumen pachtete, weil, richtiges Land hatten sie ja nicht, konnten sie nicht haben, weil sie arm waren, Vater, und auch gesetzlich nicht, hast du gesagt. Das Land durfte nur der Pole besitzen und Gott (eine richtige GmbH!), und die Juden konnten pachten oder Schuhe besohlen oder Schneider sein; aber es gab auch andere Möglichkeiten. Motke de Ganef, beispielsweise, Dieb und Zuhälter; oder Sholem Aleichem, der war Schriftsteller, ein schreibender Jude, man konnte also Schuster, Schneider und Schriftsteller sein, und wenn man nichts war, pachtete man was, auf dem Land gearbeitet haben ja alle, die auf dem Dorf wohnten; man hatte seine Kuh, seine Kartoffeln, auf dem Land gearbeitet haben sie alle: der Schuster, der Schneider, der Schriftsteller, alle; und in den Krieg mussten sie auch alle. Und wie war das, was ich immer durcheinander bringe, dass Mama als junges Mädchen auf einen Kirschbaum kletterte und die Kirschen pflückte und/oder aß, und du unten gestanden und ihr Sachen gesagt hast, über die sie lachen musste; sie war ein junges Mädchen, Papa, dieses alte, unendlich traurige Mütterchen, das manchmal zu mir kommt und mich fragt: „Hast du gegessen?“, das soll ein junges Mädchen gewesen sein, das lachend im Kirschbaum gesessen hat? Wie konnte das sein, wie kann das sein? Und der Krieg, dieser Krieg und die Kameraden, mit denen du im Winter in das Haus mit den heißen Steinen gegangen bist, um nackt zu schwitzen und sich unter lautem Gelächter mit Zweigen zu schlagen und hinterher habt ihr euch vor einen irdenen Napf voller Wodka gesetzt, billiges Zeug bestimmt, denn eine Marke kann ich mir bei dir nicht vorstellen, Vater, und darin wurde das Schwarzbrot eingetunkt, das ihr gefuttert habt – richtige anonyme Alkoholiker seid ihr gewesen! -; und du warst der da, der mit dem strahlenden Gebiss; wie waren deine Zähne, nicht die, die der Zahnklempner dir gemacht hat, der gegenüber wohnte, und dem du für die komplette Tastatur – die ja nie richtig gepasst hat – einen Anzug mit Weste geschneidert hast, der ihm sehr gut gepasst hat, Federico Heller Ritter hat er geheißen. Auf den Fotos von früher lacht nie jemand, Papa, und die, die du mir gezeigt hast – die noch irgendwo in einem Schuhkarton liegen müssen –, waren auch alle ernst: du als Soldat, als Schneider, in Zivil mit Freunden; ernst, immer ernst, aber nie ganz todernst, du warst immer ernst und traurig, und stets dieses knappe Lächeln, wie wenn du dich zu mir gesetzt hast und wir uns unterhalten haben – knapp, immer alles knapp, die Zeit ist knapp – über all den lustigen Unfug, den wir zu Hause gemacht haben, nur darüber, denn über alles andere kann man nicht sprechen, über die Kanarienvögel in dem großen Vogelbauer, denen du buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen hast, das Leben ist ja so teuer, Papa, aber gut essen sollen sie, und du hast ihnen jeden Tag die Zeitung gewechselt, über die Geschichte mit den Zeitungen im Vogelbauer, wie du ihnen den Boden mit sieben Zeitungsseiten ausgelegt hast, wie die sieben fetten Kühe und die sieben mageren Kühe aus dem Traum des Pharao, den Josef gedeutet hat, sieben, genau wie die sumerischen Teufel, Schneewittchens Zwerge, sieben, sieben Zeitungsblätter, die jeden Tag vollgeschissen wurden, und du hast in der Frühe ein Blatt herausgenommen, dann blieben noch sechs saubere, die wieder vollgeschissen werden konnten, denn sieh dir bloß mal diesen Distelfink mit dem schwarzen Kopf an, was der allein zusammenscheißt, von dem Häher und den ganzen Kanarienvögeln – einer war rot wie eine Möhre -, gar nicht zu reden; der Vogelbauer, Papa, ich sehe ihn noch deutlich vor mir, wie Frau Cantonet ihn dir geschenkt hat, ich erinnere mich genau, ich war noch ein kleines Kind... ein bisschen größer vielleicht, Mama hatte mir schon bei Introzzi diese lange blaue Hose gekauft, für die ich mich immer geschämt habe; die arme Frau Cantonet war wieder mal verhaftet worden, sie wurde immer abgeholt, sie legte Karten und kurierte Menschen und goss die Blumen mit Weihwasser und wohnte auf der anderen Straßenseite, mit einer großen Mispel vor der Tür, einem riesigen Baum voller Mispeln und voller Flöhe, denen sie nicht mal mit ihrem Weihwasser beikommen konnte, das aus dem Jordan kam, wie sie behauptete; und wie Mama sich um ihre Wohnung gekümmert hat, wenn sie wieder abgeholt worden war, bis sie zurückkam, und eines Tages hat sie dir dann den Vogelbauer geschenkt und mir eine goldene Uhr – oder vergoldet - , die nicht viel besser war als die lange Hose von Introzzi, und Mama sagte: „Warum ziehst du sie nicht an?“, aber wie sollte man sich so einen Apparat umbinden, zum Spott seiner Freunde, unmöglich, genau wie dieser blaue Anzug mit der kurzen Hose, mit dem ich sonntags immer ins Metropol gegangen bin, bis eines Tages, und dann nicht mehr, Mama zu Introzzi gegangen ist. 

     Mir geht es jetzt gut, was man so gut nennt, Vater. Na ja, gut... Was soll ich dir erzählen! Stell dir vor, ich erinnere mich noch an die andere Wohnung, die in der Gonzalo Ramírez, wenn Mama sich auf das niedrige Bänckchen setzte, das Ramón aus dem Holz gemacht hat, das er von der Baustelle mitgebracht hat, eine kleine Bank, auf der man sitzen und seinen Mate trinken konnte, den Mama immer süß getrunken hat, und mit dem Bänkchen hatte sie alles in Reichweite: Kanne, Zuckerdose, alles, wie eine Königin; und am Sonntag, weisst du, da saß Mama auf dem Bänckchen, aber sie trank keinen Mate, sondern hatte diesen riesigen Kochtopf mit heißem Wasser vor sich stehen, und eine Schürze, die keine Schürze war, den Lappen haben wir sie immer genannt, und dann das nach allen Regeln geköpfte Huhn – es war ja Sonntag – und das heiße Wasser, es machte die Federn weich, und Mama griff mit einer Hand das Huhn – eine fette Henne, schönes Tier – und mit der anderen Hand riss sie die Federn aus, immer mehrere auf einmal, ganze Büschel, und nur der Kopf blieb, wie er war, den hatte sie für Miska abgeschnitten, genau wie die Füße, die ganz gelb waren, und schwarze Zehennägel hatten sie; und die Katze hat sie zerfetzt, bis von einem Huhn nichts mehr zu erkennen war. Welche Schmerzen das arme Tier gehabt haben muss, stell dir vor, Vater, wie weh das tut, wenn dir was ausgerissen wird.

     Und die Kosaken waren wie Barbaren, hast du mir immer erzählt, und einer war mit dem Säbel hinter dir her, und eine polnische Frau hat dich in ihr Haus gezogen, dabei hast du eine Handbewegung gemacht, „so hat sie mich gepackt“, und es war wie eine Umarmung, mit der sie dich ins Haus gezerrt hat, und ich habe mir immer den Donkosaken auf seinem Pferd vorgestellt, der mit dem Karabiner auf dem Rücken und dem Säbel in der Hand, gerade als die polnische Frau dich ins Haus zog und die Tür hinter sich ins Schloss warf, mit dem Säbel zuschlug, der ins Türholz fuhr, und der Kosake stieß einen Schrei aus und zog den Säbel wieder heraus und galoppierte mit den anderen weiter, die alle vom Don kamen und von Lenin, aber du hast mir gesagt, von Trotzki, 18/19 war das, Polen gegen Russen, und du hast dich in einem Dickicht versteckt, ich stelle mir ein Maisfeld vor oder eines mit Weizen oder Luzerne oder so, und darin hast du auf der Erde gelegen, und die polnische Frau hat dir Essen gebracht, einen Napf mit geronnener Milch, Schwarzbrot, Rübenkraut, Tage lang. Und was hast du mit dem Gewehr gemacht, und wie war das in dem Schützengraben, als plötzlich ein Flugzeug auftauchte – du hattest noch nie ein Flugzeug gesehen, und da kamen zwei, drei – alle haben sich die Ohren zugehalten, weil sie mit Maschinengewehren schossen, und ihr hattet auch ein Maschinengewehr im Schützengraben, aber ihr habt euch alle die Ohren zugehalten. Kein Mensch wusste ja auch, wofür er kämpfte, aber viele Länder waren gegen die Revolution, und ihr wolltet, dass sie euch verwundeten, aber nur leicht, damit ihr in die Etappe zurückgeschickt wurdet, und einer war bei euch, der hat den Finger vors Maschinengewehr gehalten, als ihr damit geschossen habt, und ist deswegen zurückgeschickt worden, aber ein Schneider war das nicht, hast du mir erzählt, denn der Finger war der, auf dem der Fingerhut sitzt. 

     Wie war eigentlich das Haus, wo León geboren wurde, Papa; und wie wart ihr beiden, Mama und du, Vater; was habt ihr getrunken, Sauerkirschaufgesetzten und Wodka, oder was; wie war das, wenn gefeiert wurde, waren deine Eltern dabei und die von Mama und die Onkeln und Tanten; was habt ihr dann gegessen, ah, ich weiß, guefilte fish – ich könnte einen ganzen Teller davon verputzen, Vater, vom guefilte fish oder was immer mir vorgesetzt würde, aber hier wird einem nichts vorgesetzt, Vater, doch das ist eine andere Geschichte -; und hat jemand Geige gespielt und Akkordeon, wurde getanzt, hast du da getanzt; Mama nicht, Mama hat mit León im Wochenbett gelegen und hat ihn angeschaut, wie Mamas ihre Neugeborenen anschauen, genauso hat Mama geschaut, ich hab es ja nicht gesehen, stelle es mir nur vor, Vater, und Wiegenlieder auf Jiddisch wird sie ihm vorgesungen haben, welche Lieder?, hat sie mir auch welche vorgesungen?, ich erinnere mich nicht, weiß nicht; und wie war das Bett, ja, es hatte ein ibebet aus Federn, das Mama auf dem Schiff mitgebracht hat, darin konnte man versinken und das war herrlich, es lag auf dem großen Bett, und ich durfte nie hineinspringen, weil es kaputt gehen konnte. 

     Wann war das, als León nicht mehr León heißen wollte? Das muss in dieser Abendschule gewesen sein, wo man ihn wohl gehänselt hat, und woraufhin er sich Leónel nannte, und ich auch, aber viel später erst, damit er weiterhin bei uns war, obwohl er nicht mehr da war, so als würde ich, Vater, mich heute Isaak nennen. 

     Und das mit der Geige. Eines Tages hast du mir eine Geige gekauft, meine ich, denn als León geboren wurde, gab es bereits eine Geige, weil Tobías, der Milchmann, Geige spielte. Juden spielen Geige und nicht Klavier, weil man mit leichtem Gepäck lebt, denn wenn du dem Pogrom Fersengeld zahlst, schleppst du kein Klavier mit, dann springst du auf den Karren, und zwischen dem Käfig für die Hühner und der Kommode mit der Bettwäsche holst du die Geige aus dem Kasten und spielst Eili Eili oder die Hatikva, die ich damals spielen konnte, jetzt aber vergessen habe, Papa; und dass du nicht auf die Idee kommst, mir die Geige hierher zu schicken; du nicht, aber Mama, sie kommt auf solche Sachen, fragt mich, ob ich hier fernsehen kann, von ferne etwas hören, vielleicht, Vater, der Rest ist Schweigen; aber trotzdem, ab und zu bleibe ich in der Mitte meiner zwei Quadratmeter stehen, klemme mir die Geige unters Kinn, halte sie, und während die linke Hand die Wirbel einstellt und die Saiten stimmt, gebe ich mit der Rechten – mit dem weißen Haar des Bogens, dem ich einen Strich mit Paraffin verpasst habe, und mit leicht vorgestelltem linken Fuß – den Rhythmus vor, Vater... doch es kommt immer nur ein Tango dabei heraus, was soll ich machen! 

     Hast du ein Pferd gehabt, Vater? Nicht so eines wie der Kosak, einfach nur ein Pferd. Ich glaube schon. Und einen Karren. Um dem Pogrom zu entkommen. Denn wenn ihr weder einen Karren noch ein Pferd noch eine Kommode für Bettwäsche gehabt habt, wieso, zum Teufel, erinnere ich mich dann an den mit der Geige zwischen dem Hühnerkäfig und dem Fass mit Salzgurken für unterwegs, denn so eine Flucht, eine Emigration, dauert lange, Vater. Also frage ich dich: Wie hat das Pferd geheißen? 

     Dann war da noch das Radio. Das wird nicht angerührt. Es stand in der Werkstatt, und die polnisch-israelitische Stunde, und Jeibu Katz, „Holzauge sei wachsam“, ich habe nie erfahren, was du an Mercedes Simone gefunden hast, ob du etwas verstanden hast oder nur ihre Stimme; ich weiß es nicht! Aber das Radio war da und stand in der Werkstatt, während Mama in der Küche stand und weinte, Fleisch in kleine Stücke schnitt und weinte, den Schuhschrank aufmachte und über Leóns Schuhe strich und weinte; und um neun Uhr wurde alles ausgemacht und alle ins Bett, und ich in Leóns Bett und in euer Schlafzimmer, weil das andere untervermietet wurde, um die Miete zahlen zu können, dort wohnte Zulma, die auf den Strich ging, wovon Mama nichts wusste, und du hast es auch nicht gewusst, und was gab es für einen Aufstand, wenn sie sich, wenn das Stadion zu Ende war, geschminkt und mit einer Flasche Bier in der Hand vor die Haustür setzte und Freunde mit aufs Zimmer nahm, und Mama wollte das natürlich nicht; aber ich wollte dir sagen, dass um Neun immer Schluss mit allem war, nur mit mir nicht, ich war ein Junge, Papa, ich habe dann noch keinen Schluss gemacht; habt ihr nie darüber gesprochen?, nie gesagt: „Was macht wohl der arme Moishe, um neun Uhr schon im Bett?“ Ich erzähle dir das, weil es hier immer neun Uhr ist, Papa. Nur ohne Bett. 

     An Samstagabenden sah man überall im Haus die Vollmonde; sie waren zart und rund und spreizten sich mit Mehl bestäubt, und am Sonntag waren es dann ganz viele, wenn Mama eine lange Wurst aus ihnen machte und tack tack tack wie eine Nähmaschine davon abschnippelte, so dass Bandnudeln daraus wurden, die sie mit beiden Händen hochhob, als wollte sie sie lüften, entwirren, als Gabe an Jehova reichen – der nie erschienen ist – derweil im Topf der gespickte Braten einen Schwapp heißen Wassers nach dem andern verschlang, das Mama der Soße beigab, und das ging drei, vier Stunden lang, damit Papa immer sagen konnte: „Es zergeht einem auf der Zunge“, weil anders, Vater, mit den Beißern von Federico Heller Ritter wärst du nicht weit gekommen. So war das Leben, um zwölf am Mittagstisch, die Familie zu Dritt, wir waren drei, drei, drei, drei, in Polen war niemand drei, León war nicht mehr da – Leónel – und gegessen wurde um zwölf. Zu Dritt. 

     Der von damals bin ich jetzt nicht mehr, Vater. Aber ich musste dir das alles erzählen, damit du weisst, dass ich es bin, der jetzt zu dir spricht. Denn als sie dir den ersten Besuch gestatteten, von wegen der Beschuldigungen, erinnerst du dich?, damit du sehen konntest, ihr sehen konntet, dass ich auch ich war und stehen konnte und der Leutnant sagte: „Hier ist Ihr Sohn, Sie haben zehn Minuten“, da hast du mich angestarrt und gesagt: „Das ist nicht mein Sohn, wo ist mein Sohn?“, und sie ließen dich mir gegenüber am Tisch Platz nehmen, und ich erzählte dir, erzählte mir, erzählte dir das mit Mamas Bandnudeln und im Bett mit León und von dem Haus, in dem wir gewohnt haben, und dass ich Moishe war, Papa, ein bisschen erschöpft, aber Moishe, und dass die Katze Miska geheißen hat, nur nach Fito habe ich nicht gefragt, damit sie mich hinterher nicht fragten, wer ist dieser Fito, welcher Gruppierung gehört er an, aber von Mama habe ich dir erzählt, denn dass sie die Mama ist, das wissen sie, und von den Sonntagen auf dem Friedhof, wenn wir mit dem Autobus nach La Paz gefahren sind und nie ein Wort gesprochen wurde, wir haben nie gesprochen, Papa, und wenn wir ankamen, hast du dir und mir ein Käppchen aufgesetzt und dann sind wir zu Leóns Grab gegangen und Mama hat laut geweint und den Kopf gegen den Grabstein aus Granit gestoßen und sich mit den Fäusten an den Kopf geschlagen, und du hast lautlos geweint genau wie jetzt, weil du weisst, das ich ich bin und die zehn Minuten zu Ende sind. 

     Ich habe dann das Bett von León gekriegt, in dem ich ihn zum letzten Mal eines Morgens gesehen habe, als man mich aus dem Haus gebracht hat, da lag er zusammengerollt und mit dem Rücken zu mir, schaute auf die Wand in seinem Meningitisfieber, das als Grippe diagnostiziert worden war. Geblieben ist mir sein Bett, das etwas Bronzenes am Kopfende hatte, zwei Engel aus Antimon, mit ausgebreiteten Flügeln und langen Beinen wie bei einem Ballettsprung, die sich an den Händen hielten; aber wozu?, frage ich mich. Wozu?

     Es war laut, Papa, die Sprungfedern machten einen Riesenlärm, und manchmal wartete man, bis die 23 der Hinfahrt und die 18 der Rückfahrt vorbeifuhren und das Rattern der Straßenbahn das Quietschen der Sprungfedern übertönte. Das machte schon einen gehörigen Lärm, Vater, wenn sie vor dem Haus vorbeifuhren und der Fahrer aufs Pedal trat und die Klingel schrillte, weil da beschleunigt wurde.

     Und ich wohnte bei euch im Zimmer, weil in dem anderen die Werkstatt war, im nächsten wohnte Zulma, und Mondiola in der Dachkammer; und ich bei euch, immer mit der Hand in der Hose und die Schamhaare befummelt, ob sie schon ein bisschen gewachsen waren, man wollte ja ein ganzer Mann sein, wie die an der Theke, aber man konnte sich mit der Hand abarbeiten wie man wollte, da kam nichts, keine Chance, bis zu jener Nacht, in der ich dich aufgeweckt habe oder das Schütteln dich geweckt hat – das nicht als das Rattern der 23 durchging – und du: „Tut man das, tut man das?“, und Mama, die Ärmste, leitet am andern Tag den Umzug in die Wege, richtet das Ankleidezimmer her, ihr habt den riesigen Kleiderschrank mit Glas und voller Kleidungsstücke verrückt, und zwischen dem Schrank und der Wand hatte ich dann mein eigenes Zimmer, Papa, mit Blick auf die Singer, aber was eigenes, Vater, und da konnte ich dann richtig loslegen, bis es endlich spritzte und alles nur noch schlimmer machte, weil es Flecken gab, woraufhin ich Zeitschriften und alte Zeitungen mitbrachte, um die Spritzer aufzufangen. Das war noch Leben, Papa, nicht wie hier, wo sogar das Lesen verboten ist.

     Die Werkstatt hatte einen Balkon wie von weißem Marmor oder aus weißem Marmor. Ihm fehlten ein paar Zähne, ich glaube, zwei, und einer war locker, an dem habe ich immer gerüttelt, aber nur so zum Schein, und du, Vater, hast natürlich geschimpft: „Ja, mach nur weiter, hinterher kannst du es bezahlen“. Dein und euer aller Stolz war die Art, wie Miska, getigert, ganz hochherrschaftliche Dame, auf dem weißen Geländer thronte, auf dem, das noch unversehrt und vollständig war. Miska schlug die Vorderpfoten ein und schaute wie eine ägyptische Gottheit nach draußen. Und du am Tisch mit diesem riesigen Bügeleisen in der Hand, mit dem ich León Krafttrainig machen gesehen hatte (er hob es bis in den Nacken, um seine Muskeln zu kräftigen), und mit dem Maßband um den Hals, stolz, als wäre es die Insignie eines Großmeisters oder Kardinals, obwohl dieser letzte Vergleich nicht nach deinem Geschmack gewesen wäre. Du hast schon nicht mehr nach draußen geschaut, nicht mehr auf den Briefträger gewartet, weil der in deinem Leben nicht mehr existierte, für dich war das ein überflüssiger, nutzloser Beruf, du hast ihn nicht einmal mehr gegrüßt, oder doch, aber nur flüchtig, als wäre er irgendeiner, als du plötzlich „Don Isaak“ hörtest und ohne Erwartung, gleichgültig, zum Balkon geschaut hast und Sacucho, unser Briefträger, dir durch die Lücke, wo die beiden Pfeiler des Balkongeländers fehlten, einen Umschlag hinaufreichte: „Ein Brief, Don Isaak.“

     Mama war in der Küche und rieb Kartoffeln. Mit geriebenen Kartoffeln und Zwiebeln konnte Mama dir in der „Ratsche“, wie sie sie nannte, eine Tortilla aus Erbsenmehl oder ein lactelej machen, das sind für den, der es nicht weiss, flache, gebackene Windbeutel aus Kartoffeln und Zwiebeln, aber in Jiddisch. Mama goss die Pflanzen ganz früh morgens, wenn Papa den Kanarienvögeln die Lektüre wechselte, sie goss die Pflanzen und sprach mit ihnen oder sprach mit sich selbst, als spräche sie mit den Blumen, riss das eine oder andere verdorrte Blatt vom Stengel. Wenn es regnete, war der Innenhof, der ein Glasdach hatte, kein festes, es konnte aufgeschoben werden, war aber schon alt und zugerostet, war also zu und nicht zu bewegen; wenn es dann regnete, gab es im Innenhof einen ziemlichen Aufruhr. Nicht nur, weil Wasser durch die spröden und abgebröckelten Fensterfugen drang, die andauernd ausgebessert werden mussten, sondern weil Mama Papa in den Patio schleifte, damit er, Papa, weil Mama das nicht konnte, die Blechdosen und Blumentöpfe von vierzig Pflanzen nach draußen schleppte und auf den Gehweg stellte, denn Mutter wusste genau, dass gießen gut, Regen aber besser ist, und die Pflanzen das Regenwasser brauchen; eine verfluchte Arbeit war das, bis sie genug abbekommen hatten, und dann konnte Vater, schnell, schnell, damit er nicht bis auf die Haut nass wurde, das eingetopfte Wäldchen wieder hereinbringen, das Freude in den Innenhof eines Hauses brachte, in dem die Freude durch das ganze Grün und den Vogelbauer kam. Und jetzt rieb Mama Kartoffeln. Fast bis an die Finger. Ungerieben blieb bloß eine kleine Kappe, die sie ich weiss  nicht wo ließ, aber weggeworfen wurde sie nie, genau wie Mamas Gedanken beim Kartoffelreiben, die gingen auch nicht verloren, aber ich habe auch nie erfahren, wo sie blieben. Bei León auf jeden Fall, beim Kirschbaum aus der Kinderzeit vielleicht, aber nie bei einem Kleid oder einem Fest, vermute ich; und gelegentlich dachte sie sich wohl auch einmal eine Zahl aus oder merkte sich eine, um, wenn der Losverkäufer vorbeikam, ihr Glück mit einem Doppellos zu versuchen. So stand sie da und rieb die Kartoffeln ganz fein auf der Reibe, die Gedanken in weiter Ferne, als sie plötzlich erschreckt zusammenfuhr, alarmiert und verwirrt von dem Schrei „ROSA!“, der die Stille des Innenhofs zerriss, die Pflanzen erbeben ließ und die Kanarienvögel erschütterte. Papas Unterlippe zitterte, als er, von der Werkstatt aus, Mama ein rechteckiges Stück Papier mit einer Briefmarkte darauf zeigte, das er beinah furchtsam in Händen hielt, noch ungeöffnet, unversehrt, lebendig, mit Schwingen bestückt und vielleicht einem Schweif hintendran. Seine Stimme, die Stimme von Vater, der seine ganze Welt in dem „Rosa!“ hinausgeschrien hatte, brachte von der Tür seiner Werkstatt her kaum einen Laut über die Lippen, als er Mama - eine Kartoffel in der erhobenen Hand - zuflüsterte: „Ein Brief..., es ist ein Brief gekommen.“