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Als Emma mit der Reißleine am Kopfende des Kastenbettes das Licht zur dreiundzwanzigsten Nacht einer nicht vollzogenen Ehe löschte, behauptete Egbert gleich, diese Nacht in diesem Kirschbaumbett neben dieser Frau überhaupt nicht einschlafen zu können, ja sich am nächsten Morgen als ein bis in die Zehenspitzen Zerschlagener zu erheben, sofern nicht noch weit Schlimmeres geschähe und er sich beispielsweise von Nachtstunde zu Morgenstunde mit den Qualen, den Einsamkeiten und dem inneren Selbstfraß eines Nichtschläfers in einen Zustand verstrickte, der bei Sonnenaufgang, mit dem Krähen dreier Hähne, knapp, einfach und klinisch exakt Tod durch einen Schrotschuss in den Rücken hiesse.


 

Emma, inzwischen an gewisse eigenwillige Exkursionen ihres Mannes gewöhnt, brummte nur kurz. Wie sie nach Ablauf von weiteren fünfzig Jahren zu Beginn einer Nacht mit dem Löschen des Lichtes wohl nur kurz und zahnlos brummen würde, sofern es dann die Erfindung der Ehe und das Konstrukt herausnehmbarer Zähne immer noch gäbe, dachte sie. Dachte Egbert von ihr, als er sie bloß brummen hörte. Denn natürlich schlug längst das Gewissen in ihm und die Vorstellung, ab jetzt fünfzig Jahre lang Angst davor haben zu müssen, diese Frau zu verlieren oder aber sie zu töten, und das vernichtete ihn jede Nacht ein Stück mehr.


 

Eine Stunde später, die er flach atmend auf dem Rücken verbracht hatte, behauptete er, bei diesen anhaltend schrillen Geräuschen einer Handsäge, die durch hartes Kirschholz geführt wird, sich in der Mitte des Stammes festbeisst, herausgezogen und neu in die schon tiefe Schnittwunde eingeführt wird, nicht einmal dösen zu können. Denn vor einem ganz und gar irrsinnigen Vater von vier lebenden Töchtern und dem Erzeuger einer unbekannten Zahl von Tot- und Fehlgeburten, der Schaum vor dem Mund hat und mit einer Handsäge bewaffnet ist, war er auf den Kirschbaum des Hofes in Marcardsmoor geflüchtet. Und jetzt begann der Baumriese zu wanken und drohte ihn ins Moor zu kippen, das ihn verschlänge ratzeputz wie ein Reptil.


 

Wieder brummte Emma. Wie in einer Nacht nach Löschen des Lichtes fünfzig Jahre später, wenn der kahlköpfig gewordene Mann nicht schlafen kann, weil er unter Blasenschwäche und Harndrang leidet, dachte Emma. Dachte Egbert von Emma, der jetzt schon unter dem trockenen Mund des Schlaflosen litt wie dieser alte, schlaflos mit offenem Mund im Bett liegende Mann, der auf das hohle Tröpfeln in seiner Blase wartet.


 

Wenig später, kaum hatte die Stunde der Geister vom Kirchturm geschlagen, lag der tote Schwiegervater neben ihm im Bett. Mit weißen Fingern umklammerte er die Kiste auf seinem Bauch. Die Backen waren gebläht. Wie ein Dudelsack hat er in seinen Backen noch die Luft für Wörter, dachte Egbert. Wenn ich ihm jetzt mit Daumen und Zeigefinger die Backen zusammendrücke, öffnen sich ein letztes Mal die Lippen und es geschieht: entweder lässt er seinen letzten Fluch auf alle vor ihm im Moor Gescheiterten los und auf die Frau, die Kinder, auf mich als unmöglichen Schwiegersohn mit seiner Angst vor dem Versagen und seiner Furcht vor Kindern, die so werden wie er selbst: Tiefseefische, Seeschildkröten - , oder aber es ist doch noch jenes letzte Wort der Milde, das er immer gesucht und nie mehr gefunden hat. Und wenn das kommt, vernichtet es uns. Dachte Egbert. Dachte Egbert, dass Emma denken würde, denn auch sie musste doch den kalten Luftzug des Toten neben sich spüren, auch wenn sie so tat, als schliefe sie und mit den Geräuschen platzender Blasen die Luft ausstiess, um gleich darauf mit der Nase wieder einen Teil der eben ausgestossenen Luft und neue Schlafzimmerluft einzuziehen -


 

- Hör mal. Das ist kein Bett der Liebe. Das ist ein Folterwerkzeug. In so einem Bett kann ich nicht. Wie soll ich je in so einem Bett können, in dem mich die Geschichte foltert und erdrückt?


 

- Morgen gehen wir zum Möbellager Drebing und holen ein anderes gebrauchtes Ehebett. Wenn du die Geschichte eines Bettes nicht kennst, kann sie dich auch nicht erdrücken, sagte Emma aus den Kissen.


 

- Geht nicht, sagte Egbert. Jeder weiss, wie Drebing zu einem Möbellager gekommen ist. Früher war er bloß ein kleiner Schreiner. Jetzt hat er ein großes Möbellager. Da stehen Schränke, Küchen, Anrichten, Vitrinen, Nachtschränkchen mit ihrer kleinen Tür für den Pisspott, Ausziehtische, Sofas, Sessel, Stühle, Hocker ...


 

- Und Ehebetten, sagte Emma aus ihren Kissen ...


 

- Küchenhängeschränke, Besenschränke, Nähtischchen und ein Klavier. Wie folgsame Hunde hören sie alle noch auf die Namen von Biberfeld und Cohn, Feilmann, Gröschler, Grünberg, Josephs, Katz, Nanni und Fritz Levy, de Levie, Saulmann, Weinberg, Weinstein und Wolff. Es braucht nur ein einziger von ihnen zurückzukommen, vielleicht hat einer als Leberfleck in einer Hautfalte der Weltgeschichte überlebt, vielleicht ein Flötenspieler oder einer, der seiner Maultrommel vor dem Möbellager Drebing ein paar Töne entlockt wie einst der Rattenfänger von Hameln in Hameln, und schon kriegt das ganze Möbellager Drebing eilige Beine, alle Stühle und Tische und Schränke und selbst das gemächliche Klavier ...


 

- Und das Ehebett und das Nachtschränkchen mit der kleinen Tür für den Topf, führte Emma eine Geschichte fort, die jetzt nicht mehr aufzuhalten war ...


 

- Und wie einst dem Rattenfänger von Hameln in Hameln die Kinder, ziehen ihm in Jever alle aus den Fenstern gestürzten, geraubten und geschändeten Möbel hinterher, wobei natürlich viele stark lahmen, denn sie sind beschädigt von den Stürzen, den Schneeschmelzen und Frühjahrsregen, die Gelenke sind verquollen und alle Schlösser erbrochen, sagte Egbert zu Emma, die sich jetzt in den Kissen aufgerichtet hatte und ihre Brüste in das Licht eines Sternes reckte, der ihr nie zuvor durch seine Leuchtkraft aufgefallen war, und sie ziehen auf den Markt vor den Schwarzen Adler und bilden um den Maultrommler eine Wagenburg wie die nach Texas eingewanderten Schwaben und ausgebüchsten Bediensteten des Mainzer Adelsvereins, die Hungerleider aus Eifel, Hunsrück, Westerwald und den kargen Böden Nordhessens, die sich gerade durch die Sümpfe Floridas bis ins Grasland durchgefiebert haben, sagte Egbert, der jetzt weder an seine Schlaflosigkeit noch an Schlaf dachte, sondern sprudelte wie ein Geschichtenerzähler auf einem Markt Arabiens zwischen Backwaren, Feigen und Datteln, getrocknetem Dung, lebenden Hühnern, Schlangenhäuten, Katzengedärm und winzigen, so kitschig süßen Bildchen für allerlei heimischen Zauber, dass ihre unerträgliche Süße den Kitsch ganz vergessen und den Zauber sofort wirksam macht, hier bilden sie ihre Wagenburg um den Maultrommler, der natürlich, sagen wir es jetzt, Levy heißt und Fritz gerufen wird, natürlich ist es der Fritz Levy, der maultrommeln konnte wie keiner, und sie nehmen auch den wieder ruinierten Schreiner Drebing in die Mitte, der sich doch mit dem Gewinn aus dem ganzen Plunder bald ein richtiges Möbelhaus einzurichten gedachte und ein Vermögen machen wollte mit Betten dieser neuen amerikanischen Art, in denen auf Knopfdruck die Sterne leuchten, die Erde bebt, vollautomatisch die Ehen vollzogen werden und gleich auch schon die ersten Kinder klaglos herausfallen wie fertig gerösteter Mais. Jetzt nehmen sie den ruinierten Drebing in die Mitte, schließlich haben sie Reparaturarbeiten für ihn, denn sie richten sich auf Dauer hier ein, Umherziehende, die zur Ruhe kommen, hier werden sie stehen, Nistplätze für die Vögel und Klettergerüste für die Kinder, verschneit und verquollen im Winter und wieder getrocknet und wohlig gestreckt in der Sonne des August, ein Mahnmal der Dinge, eine Landschaft aus Möbeln Deportierter ...


 

- Egbert, es reicht. Nimm mich ernst. Immer zählt für dich bloß die Vergangenheit, sagte Emma. Laß uns mit Piets Auto ins Oldenburgische fahren. Ich pumpe Mia an. Wir kaufen ein Schlafzimmer in einer dieser neuen Fabriken, die wegen der Flüchtlinge wie Pilze aus dem Boden schiessen. Wir kaufen bei deinem Namensvetter, der Firma Poggenpohl, die geben uns Rabatt.


 

- Geht nicht, sagte Egbert. Dieser Zweig der Poggenpohls hat sich ganz auf Einbauküchen geworfen. Diese Dinger, die weder Vergangenheit noch Gegenwart, sondern blanke und brutale Zukunft sind. Du berührst eine Lichtschranke, und schon fängt die Küche an zu brodeln und zu zischen, wendet und würzt sich selbst, stellt sich an und ab, verdaut, scheidet aus und hat sich auch schon selbst gereinigt, bevor du in der Wolke des letzten, gigantischen Furzes ihrer Betriebsamkeit merkst, was für ein überflüssiger Mensch und welch überholte Erfindung du schon seit langem bist.


 

- Ach Ecki, sagte die junge Frau Emma Poggenpohl, wie sie es von da ab einundvierzig Jahre lang tun sollte in Augenblicken besonderer, zumeist sorgenvoller Zärtlichkeit. Und dann tat sie etwas, was sie ebenfalls einundvierzig Jahre lang üben sollte: entweder musste sie ihren Mann beschleunigen, weil er oft den Lauf seines Lebens so verlangsamte, dass er ganz innezuhalten schien, oder aber sie gab ihm eine andere Richtung. Denn zuweilen, einmal in Hanglage in Bewegung geraten, rollte er mit immer schnellerer Schnelligkeit talwärts ungeachtet aller ihm begegnenden Krüppelkiefern, Almhütten, Strommasten, vom Wintereinbruch überraschten und im Stehen steif gefrorenen Kühen und ihm noch völlig ahnungslos und fröhlich entgegenwinkenden Wanderern auf Schneebrettern, die Sekunden später schon böse von ihm zugerichtete Unfallopfer waren.


 

Jetzt beschleunigte sie ihn. Sie räumte den toten Walter Kieslowsky mit seiner eisenbeschlagenen Kiste und den noch immer geblähten Backen zur Seite. Sie warf die Möbel aller Deportierten mit ihren gelösten Furnieren, gequollenen Gelenken und aufgebrochenen Schlössern aus dem Bett. Sie zog ihm die Decke zur Seite und griff im Latz seines Schlafanzuges nach einem Schnippel, der schnell in ihrer Hand wuchs. Und so vollzog in dieser dreiundzwanzigsten Nacht nicht etwa Egbert eine Ehe, sondern Emma und Egbert schlossen das erste Kapitel einer langen Geschichte, auf das sie sich seit dem ersten Brief vom Montecassino zubewegt hatten getreu dem Satz WIR LIEBEN UNS NUR SO LANGE, WIE WIR UNS GEGENSEITIG ERZÄHLEN.


 

Auch wenn Emma die Aktivere schien, weil sie mit Daumen und Zeigefinger aus seinem Schnippel ein Werkzeug gemacht hatte, weil sie auf ihm sass und ritt, so war doch Egbert nicht unbeteiligt und vor allem glücklich darüber, wie schnell sich eine Entfernung, die jetzt zweiundzwanzig Nächte lang gewachsen war, mit dieser uralten und sehr einfachen Bewegungsart, die sowohl dem Butterfässchen als auch der Draisine, der Nähmaschine und dem Verbrennungsmotor als Vorlage gedient hat, fast auf Null verkürzte. Als Emma schließlich, die zu Mittag Linsen mit Rauchfleisch auf die Teller geschöpft hatte, eine nicht abreissende Reihe kleiner, erregter Pupse ertönen liess, lachte er vergnügt und atemlos, denn auf der Wolke dieser Pupse hob er sich mit ihr über das Kastenbett mit seinen ganzen Geschichten von Jähzorn und Verklemmnis und dem ewigen Bemühen, neben den Radfurchen des eigenen Leichenwagens noch eine unverwechselbare Spur von sich auf dem neu besiedelten Land zu hinterlassen. Und fast immer war es doch der Einfachheit halber eine Spur der Gewalt geworden.


 

Schon am nächsten Tag sagte Egbert zu seinem Freund, der zu diesem Zeitpunkt die Auffahrt seiner Eheschliessung erst noch vor sich hatte sowie die kurz davor liegende Niederfahrt des Polizeieinsatzes am Polterabend und die drohenden Strafverfahren wegen öffentlichen Umschmelzens der Biographie eines Kriegers in die eines Bürgers:


 

- Und merk dir für deine Zukunft mit Renate vor allem eines: ein guter Fick ist nun einmal das A und O einer jungen Ehe. Denn schließlich gehen die meisten Ehen fahrlässig im Bett kaputt.