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Straßenmusiker
verfolgen uns in den auswechselbaren Einkaufszonen bis zum Hörsturz.
Kaum aber stehen irgendwo drei Kleinwüchsige, Mandeläugige zusammen
– die Quena, die heisere Bambusflöte; die Charanga, das
Zupfinstrument aus dem Rücken des Gürteltieres; eine Trommel – schon
sammelt sich Volk. Was rühren diese Indios in uns an? República
del Perú. Inzwischen
27 Millionen Einwohner, das sind 7 Millionen mehr als vor 20 Jahren, da
ich mich mit dem Land zu beschäftigen begann. Davon sind 15 Millionen
Wahlberechtigte, die gemäß Verfassung alle fünf Jahre einen mit
weitreichenden Vollmachten ausgestatteten Präsidenten sowie einen
Kongreß mit 120 Abgeordneten wählen. 43%
der Bevölkerung sind Indios, 37% Mestizen, 15% Weiße, 3% Schwarze,
Chinesen, Japaner. Seit Jahren verstärkte Armutsemigration. Manche
lassen sich die Augenlider operieren und versuchen so, als japanischstämmig
anerkannt zu werden. Der Schwarzmarkt mit den Kindern der Indios blüht.
Die Hälfte der Bevölkerung hat täglich weniger als zwei Dollar zur
Verfügung, ein Drittel der Exporterlöse wird vom Schuldendienst
verbraucht. Andererseits gibt es Kurierfirmen, die täglich hohe
Dollarbeträge, Zertifikate, Edelmetalle und Edelsteine zwischen Peru
und den USA hin und herbewegen. Das illegal erworbene Vermögen des
einstigen Geheimdienstchefs Vladimiro Montesinos Torres wird auf 1
Milliarde Dollar geschätzt. Die Ausstellung „Gold aus dem alten Peru – die Königsgräber von Sipan“ in der Bundeskunsthalle Bonn ist nicht wirklich spektakulär. Die schönsten Stücke sind in der 80er Jahren den Grabräubern zum Opfer gefallen und in privaten Sammlungen verschwunden. Damals bin ich bei einem Tankstopp in der Nähe von Sipan nördlich von Lima auf einen von ihnen gestoßen. Der Bursche arbeitete nachts, mit zwölf Beschäftigten und einem Bagger. Grabbeigaben, von denen es bereits bedenklich viele auf dem Weltmarkt gab – ähnlich wie es eine Zeitlang bedenklich viele Picassos gab – wurden an Ort und Stelle zerschlagen. Trotzdem
zieht diese Ausstellung in kurzer Zeit über 400.000 Besucher an –
mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Sie warten geduldig auf Einlaß.
Im abgedunkelten, einem Tempel ähnelnden Ausstellungsraum endlich
bewegen sie sich wie Initiierte. Sie scheinen einen Ritus zu vollführen.
Jeder, der sich über die zumeist kleinen Exponate dieser Kultur vor den
Inkas und vor der Entdeckung Amerikas beugt – Vasen, Scherben,
Reliefs, Figuren und Figürchen – scheint sich gleichzeitig über sich
selbst zu beugen, über einen intimen Traum, den er schon lange hegt und
von dem er sicher ist, daß ihn dieses Land Peru bei einer Reise dorthin
erfüllen könnte, obwohl ihn Peru doch stets als Katastrophenmeldung
erreicht: Bürgerkrieg
mit 25.000 Toten; Sondergesetze und Militärgerichtsbarkeit mit
vermummten Vorsitzenden; Massaker und Gefängnisrevolten; 4.022
Verschwundene und außergerichtlich Hingerichtete, sagt die offizielle
Statistik, über 9.000, korrigieren Organisationen von Angehörigen;
Geiselnahmen; der Welt größter Lieferant an Cocablättern und
Kokain-Basispaste; Erdbeben; allgegenwärtige Korruption und dazu noch
die Auswirkungen des Klimaphänomens El Niño mit Überschwemmungen
und Dürreperioden, in denen die Kleinbauern ihr letztes Saatgut
verzehren und ihre Kinder verkaufen, bevor sie am schattenlosen Rand der
Müllkippen der Hauptstadt Lima landen, in der ein Drittel der Bevölkerung
lebt. Dennoch
scheint der gut vorgebildete Besucher davon zu träumen, daß Peru aus
den scheinbar toten Bildungsgütern, mit denen er sein Leben in Europa
angereichert hat, lebendige, ihn bestürzende und schließlich beglückende
Erfahrung macht. Peru ist ein Mythos. Es ist der Traum, in den Anden mit
ihren parallel verlaufenden Kordilleren LANDSCHAFT TOTAL zu erleben –
so nannte ausgerechnet eine Schweizer Freundin in Lima ihre häufigen
Ausflüge ins Hochgebirge, und tatsächlich war sie jedes Mal wundersam
verändert – und es ist auch der Traum, im Leben der Quechua und
Aymara sprechenden Indios eine Kontinuität von Geschichte und Kultur zu
erfahren, die dem Reisenden in seinem eigenen, technisch vermittelten
Leben weitgehend verlorengegangen ist. Peru verspricht ihm Bildung als
Rausch und ländliche, indianische Armut als originäres Leben. Außerdem
wird er in der Geschichte der Kolonisierung und Hispanisierung
herumwandern können und in den aktuellen Abhängigkeiten eines
unterentwickelten und somit scheinbar leicht zu durchschauenden
Landes; ja solch eine Reise zu einem Mythos verspricht fast einen Akt äußerst
sublimierter Sexualität, das muß es sein: die geheime, erträumte, so
verfeinerte und kulturell vergoldete Sexualität, daß er sie selbst in
einer bequem organisierten Reisegruppe erleben kann, ohne gleich
nachher des Gruppensexes beschuldigt zu werden. 1990,
am Ende seiner Amtsperiode, hat der Präsident Alan Garcia,
Rechtsanwalt, guter Rhetoriker und begabter Selbstdarsteller, das Land
in die größte Wirtschaftskrise seiner Geschichte gesteuert. Die
Inflationsrate: über 7.000%. Peru, stets auf Kredite angewiesen, gilt
international als kreditunwürdig. Außerdem hat er persönlich und
haben Funktionäre seiner Partei so viele Bestechungsskandale angehäuft,
daß die sozialdemokratische Apra und mit ihr die anderen etablierten
Parteien für die Wähler auf Jahre hinaus erledigt sind. Die
anstehenden Wahlen gewinnt gegen den Schriftsteller Mario Vargas Llosa,
der auch zu viel und zu glatt redet, ein bis dahin unbekannter Agraringenieur,
der ein großer Schweiger ist: der japanischstämmige Alberto Kenyo
Fujimori Fujimori. Er fährt auf einem geborgten Traktor durch Lima und
verkündet bevorzugt den Slumbewohnern und der genauso
marginalisierten Landbevölkerung nicht viel mehr als: Wo
eine Brücke fehlt, muß eine gebaut werden. Wo keine Schule ist, muß
eine hin. Wo gehungert wird, müssen Lebensmittel verteilt werden und
Milch an die Kinder. Dieser
spröde Traktorist aber beginnt schnell die ohnehin defizitäre
Demokratie zu stutzen, wie jemand eine Hecke stutzt. National und
international wird das zunächst noch als Folge seines Kampfes gegen den
Terrorismus hingenommen, bei dem er erfolgreich ist: nach zwölf Jahren
Bürgerkrieg wird die Führung des Sendero Luminoso
liquidiert/verhaftet, die Gefängnisse füllen sich mit seinen
Mitgliedern und Sympathisanten – und mit Hunderten von
Beschuldigten, gegen die gar keine Urteile ergangen sind. Es ist auch
die Zeit der Denunzianten und die Gelegenheit, alle Arten von Unbequemen
und Auffälligen einschließlich dieses und jenen Nebenbuhlers und
Konkurrenten loszuwerden. Und als Fujimori die „Erste Dame der
Nation“, seine Frau Susanna, die öffentlich mehr Demokratie anmahnt,
mehrfach im Palast einschließt, gilt auch das noch als zunächst bloß
nebensächliches Indiz für eine Ehekrise und für ihre Lösung nach Art
der japanischen Einwanderer. Dann
aber putscht er kalt mit Unterstützung des Militärs und schickt den
Kongreß nach Hause, der eine Reihe seiner Gesetzesvorgaben blockiert. Ich
bin eine Ein-Mann-Demokratie, das empfiehlt sich für Länder wie Peru. Er
hebt Rechte der Arbeiter auf, die sie in vielen Kämpfen mit zahlreichen
Toten erworben haben: den 8-Stunden-Tag, den Kündigungsschutz.
Ausschließlich für die Sicherheitskräfte setzt er eine Amnestie für
alle Vergehen und Verbrechen gegen die Menschenrechte durch. Das ist ein
nachträglicher Freibrief für alle ihre Massaker und für sämtliche
ihrer Aktionen, bei denen Menschen bis heute spurlos verschwunden sind.
Nur um die Linksparteien muß er sich nicht kümmern, deren Spektrum
voll entwickelt war: Maoisten, Marxisten-Leninisten, Stalinisten,
Mariateguisten, Trotzkisten ... sie alle lösen sich nach dem Fall der
Berliner Mauer, dessen Echo um die Welt zieht, in Ratlosigkeit auf. Außerdem
wurden gerade sie bevorzugt von der Guerrilla bekämpft. Und wenn jetzt
Einzelne wirklich noch öffentlich zu agitieren wagen, dann kommen die
Antiterror-Einheiten und greifen sie ab. Er privatisiert rigoros den
Staatsbesitz, den linke Militärs unter dem General Velasco zu Beginn
der 70er Jahre nicht so sehr im Zuge einer Sozialisierung, eher einer
Modernisierung noch feudaler Strukturen angehäuft haben, denen die
deutschstämmige Familie Gildemeister ihre Plantage von 500.000 Hektar
verdankte. So füllt er eine Kasse, die öffentlicher Kontrolle entzogen
bleibt. Daraus verteilt er landesweit Almosen an die Marginalisierten:
hier eine Schule, dort eine Straße, hier Wasser/Abwasser, dort
Elektrizität, Kleiderspenden, Nahrungsmittel. Damit sichert er sich
Stimmen für eine zweite, in der Verfassung gar nicht vorgesehene
Periode seiner Präsidentschaft und für eine Wahl, die er aus Rücksicht
auf internationale Verbindlichkeiten zu brauchen meint, und schließlich,
letztes Jahr, für eine dritte. Wo die Stimmen nicht reichen, werden die
Ergebnisse gründlich manipuliert. Dazu
Elizabeth Cavero, Wahlbeobachterin der Tageszeitung LA REPUBLICA, mit
der zusammen ich durch Lima ziehe, um mir zu erklären, warum ein allmächtiger
Geheimdienstchef plötzlich verschwindet, ein altgedienter Präsident
ihm hinterher flüchtet und warum ich in Lima wieder einmal herumlaufe
wie in einem Krimi, den John le Carré noch gar nicht geschrieben hat: Früher
liefen solche Fälschungen vor allem auf dem Land über direkten
Stimmenkauf. Zum Beispiel ließ der Kandidat vor der Wahl linke Schuhe
verteilen, nach dem für ihn erfolgreichen Wahlgang die dazu passenden
rechten Paare. Im letzten Jahr war das auch bei uns eine Sache von
manipulierter Computer-Software. Und im Akkord wurden Wahlzettel gefälscht.
Lange vorher schon hatte der Chef des Geheimdienstes, Montesinos, der
offiziell stets nur als Berater des Präsidenten galt, die gesamte
Kioskpresse bestochen oder aufgekauft. Jeden Abend erhielt sie von
seinem Büro die Meldungen des nächsten Tages. Und er hatte die
Mehrzahl der Fernsehkanäle mit hohen Summen gekauft – mit Ausnahme
von Kanal 2, dessen Mehrheitsaktionär sich taub stellte. Aber das bekam
ihm nicht. Da er israelischer und peruanischer Doppelbürger war, wurde
ihm einfach die peruanische Staatsangehörigkeit entzogen, und schon war
er seine Anteile an Kanal 2 los. Bekannt geworden ist bislang dieser
Vertrag zwischen America Television Kanal 4 und Vladimiro Montesinos: 1.
America Television Kanal 4 erhält monatlich die Summe von 1 Million
500.000 US$, die ihr innerhalb der ersten vier Arbeitstage jeden Monats
ausbezahlt werden. 2.
America Television Kanal 4 wird dafür jeder Partei, Organisation, jedem
Kandidaten, jeder natürlichen oder juristischen Person, welche die
Interessen der Opposition vertritt, das Programm verschließen. 3.
Während der gesamten Gültigkeitsdauer dieses Vertrages kann der
Vertragspartner sein Vetorecht gegenüber jedem Kommentator und jedem
Journalisten des Senders ausüben. Bei
seiner Flucht hat Montesinos Tausende von Videos und Tonkassetten zurückgelassen:
nahezu alle Verhandlungen, die
führte, nahm er geheim auf. Das folgende Video trägt die Nummer 1196
und stammt vom August 1998. Büro des Geheimdienstes. Anwesend:
Montesinos und Victor Joe Way, mehrfach Premierminister unter Fujimori,
zur Zeit Präsident des Kongresses. Inzwischen sind auf Konten in der
Schweiz über 11 Millionen Dollar aufgetaucht, für deren Herkunft er
keine Erklärung hat. Montesinos:
Für wieviel will er den „Chino“ verkaufen? Way:
Er hat mir keine Zahl genannt. Aber er sagte: „Sehen Sie, wir
verkaufen täglich zwischen 80 und 90tausend vom „Chino“ und
zwischen 60 und 70tausend “Todo Sport“. Aha. Außerdem
sagte er: „Ich kann nicht mehr leben. Mich nicht mehr bewegen. Diese
Dreckskerle von der Opposition. Wenn die mich früh anrufen, habe ich
den ganzen Tag lang Angst.“ Wenn
es uns nützt, kaufen wir ihn im nächsten Jahr. Ich kaufe ihn für den
Geheimdienst, natürlich unter Decknamen. Wir haben jetzt schon vier von
diesen Kioskblättern. Wir
haben El Mananero, La Chuchi, El Tio und El Chato. Also
wir sind noch nicht die Besitzer, aber wir finanzieren die voll. Richtig.
Gut so. Sieh
mal zu, daß du ihn so weit runterdrückst wie nur irgend möglich. Zu
„El Chino“ gehört „Todo Sport“, und „Todo Sport“ verkauft
sich wie Scheiße, wie Scheiße verkauft der sich, weil das Fußball
ist, diese Scheiße! Bislang
war die Opposition zersplittert und gelähmt. Das ist noch eine folge
des Terrorismus und seiner Bekämpfung, und natürlich waren auch Teile
der Opposition zu kaufen gewesen, wie die Kioskblätter, die Fernsehkanäle,
wie Richter und Staatsanwälte, wie die Generalstaatsanwältin, wie
Teile der Polizei- und Militärführung. Jetzt aber überweist die
Stiftung des ungarischen Finanziers Georges Soros 1 Million Dollar, und
der im April 2000 um den Sieg betrogene Kandidat Alejandro Toledo
organisiert landesweite Protestmärsche. Ende
Juli 2000, kurz vor der Vereidigung Fujimoris für eine dritte
Amtsperiode, sind in Lima Hunderttausende auf den Beinen – für den
betrogenen Kandidaten und gegen den Betrüger. Da setzt der Geheimdienst
das zentrale Gebäude der Nationalbank in der kolonialen Innenstadt in
Brand. Die Agenten des „Servicio de Inteligencia Nacional“ wollen so
vortäuschen, daß die Opposition gewalttätig bis zur
Menschenverachtung sei und damit die Demonstration sprengen. Sechs von fünfzehn
Wachmännern kommen im Gebäude um. Noch während Fujimori vereidigt
wird, ziehen scharfer Brandgeruch und Schwaden von Tränengas durch die
Straßen. Eigens für diese Amtseinführung waren 60 Tonnen Chemie
geordert worden. Dieses
Mal hat der Vereidigung nur ein einzelner ausländischer Staatsgast
beigewohnt, alle anderen sind schon auf Distanz zu ihrem Kollegen
gegangen. Aber wieder scheint sich dieser Präsident für fünf Jahre in
seinem weißen Palast neben der Kathedrale mit den Gebeinen des
spanischen Eroberers Pizarro einrichten zu können, einsam und
misstrauisch, schweigsam und spröde, während sein Berater Montesinos
geschäftig die Schmutzarbeit für ihn leistet. Aber
schon zwei Wochen später, Mitte August 2000, fegt ein politischer Sturm
durch das Land. Das von Fujimori und Montesinos, von allen Begünstigten
und Bestochenen so sorgfältig gemauerte Haus der Macht wackelt und
erste Mauern stürzen ein. Und Auslöser ist nichts als ein kleines
Videoband, Warenwert unter einem Dollar, das sich irgendein Langfinger
aus dem geheimen Archiv des Herrn Vladimiro gegriffen und das er der
Partei des betrogenen Kandidaten Toledo angeboten hat. Diese Partei –
PERU POSIBLE – Das Mögliche Peru – lehnt erschrocken ab, verkauft
sich auf diesem Video doch ausgerechnet einer ihrer eigenen Abgeordneten
an Montesinos. Aber es findet sich eine kleine Partei, die es zur besten
Sendezeit in einem der Fernsehkanäle lanciert. Büro
des Geheimdienstes.5.Mai 2000. Anwesend:
Montesinos und Alberto Kouri, noch Kongreßabgeordneter der Opposition
zu einem Zeitpunkt, da bereits 10% der oppositionellen Abgeordneten das
Lager gewechselt oder den Wechsel angekündigt haben. Kouri:
Also es geht mir nicht darum, irgendjemanden schlecht zu machen. Aber
zusammen mit all den anderen will ich nicht übertreten. Montesinos:
Na gut. Jeder
hat eben seine Empfindlichkeiten. Dann trittst du als Einzelner zu uns
über und nicht in der Gruppe. Ja,
das ist mir viel lieber ... Klar.
Also hier ist das Schreiben, mit dem du zu uns übertrittst. Das machen
wir der Form halber und nichts weiter, schon Schluß. Das ist der Text
... (Beide
lesen das Schreiben, das Montesinos aufgesetzt hat) Also,
eine Sache ist dieser Brief, mit dem du deine Absicht erklärst, zu uns
überzutreten, und eine andere Sache ist der tatsächliche Übertritt.
Deswegen nehmen wir das Datum weg. In jedem Fall brauchen wir eine
starke Mehrheit im Kongreß, eine Mehrheit, die gut vor der ganzen Welt
aussieht. Schließlich arbeiten wir nicht für Morgen und Übermorgen,
wir arbeiten an einem Projekt für die ganzen nächsten zwanzig Jahre. 25.
September? Nein,
wir nehmen das Datum weg. Gut,
geht in Ordnung. Sie können sich auf mich verlassen. Ich war bei allem
immer ein verläßlicher Partner. Vertrauen gegen Vertrauen. Und – was
ist für mich dabei drin? Das
kannst du verhandeln. Was
ist denn maximal drin? Sag
mir wieviel. Wieviel willst du? (Montesinos
zieht aus seiner linken Jackentasche einen Umschlag hervor) Hier
sind 10.000 Dollar. Sag mir, wieviel du willst. (Montesinos
zählt den Inhalt des Umschlages.) Lassen
Sie uns über fünfzehn, zwanzigtausend reden. Aha. Fünfzehntausend
... Hier,
zehntausend Dollar ... (Montesinos
holt aus seiner rechten Jackentasche ein weiteres Bündel.) ...
und fünftausend, macht fünfzehntausend Dollar. Und
was ist mit den Summen, die ich für meine Wahl ausgegeben habe? Erinnere
mich morgen oder am Montag daran. Ich
habe nämlich noch eine offene Rechnung bei einer Werbeagentur. Ich
mach mir hier eine Notiz. Heute haben wir den 5., stimmt? Natürlich
will ich nicht alles geltend machen, was ich für meine Wahl ausgegeben
habe. Ich sage Ihnen das nur, damit ich eine gewisse Absicherung habe für
die über 60.000 Dollar, die es mich gekostet hat, in den Kongreß gewählt
zu werden. Du
gibst aber eine Menge Geld aus. Das
ist schließlich eine Investition in meine Zukunft. Ja
klar. Also
wenn es die Möglichkeit gibt ... Ich
bespreche das mit den Freunden, und dann reden wir darüber. Selbst
in einem Land, in dem Korruption inzwischen zu einer Art staatstragendem
Element geworden ist, dem nur noch der Verfassungsrang fehlt, schlägt
dieses Video wie eine Bombe ein. Das liegt nicht am Abgeordneten Kouri,
der ist ab sofort ein toter Mann; und lange schon konnte sich niemand
die wundersame Vermehrung von Abgeordneten der Regierungspartei anders
als durch Stimmenkauf erklären, der ja auch in der Bundesrepublik
seinen Eigennamen hat. Es liegt auch nicht daran, daß Rasputin persönlich
wie einer, der im Hochgebirge Kinder aufkauft, Dollarbündel aus den
Taschen zieht, daß gehandelt und schließlich politisches Gewissen
wie schon fauler Fisch verkauft wird: dieses Video ist vor allem
deswegen eine Bombe, weil es nach außen gedrungen ist. Seine bloße
Verfügbarkeit ist das Ereignis, bedeutet es doch, daß in dem bisher lückenlos
geschlossenen Haus der Macht ein Loch klafft. Entweder kündigt sich das
Ende dieser Macht an, oder ein Putsch steht bevor. Und wieder einmal
achten die Bewohner Limas verstärkt auf gepanzerte Fahrzeuge in den
Straßen, auf Hubschrauber und Jäger russischer Bauart über der Stadt. Auch
dieses Video, so geschoßartig es einschlägt, hat eine Vorgeschichte.
Die erzählt mir der Sozialwissenschaftler Guido Vidal, mit dem zusammen
ich eine Zeitlang eine tägliche Sendung für die Bauern gemacht habe.
Inzwischen spricht er sehr undeutlich, eine Folge des oft lebensgefährlich
überalterten Fahrzeugparks in der Stadt. Aber er lebt, verletzt und
zielstrebig, im Chaos seines kleinen Agenturbüros, in dem zwischen Nachrichtentechnik
und Papierbergen immer noch eine Katze auftaucht und herauszufinden
sucht, was der Besitzer ist: Freund oder Feind. Guido recherchiert
Hintergründe und verkauft sie an Interessenten, denen eigene
Nachforschungen zu teuer und/oder zu riskant sind: eine kleine Detektei
des sozialen Lebens. Wer immer freilich etwas über den Schriftsteller
und Sozialtheoretiker José Carlos Mariategui braucht, 1928 Gründer der
sozialistischen Partei, der sich vor allem von der bäuerlichen,
indianischen Bevölkerung die Schaffung einer peruanischen Nation
erhoffte und nicht von den Weißen und Mestizen an der Pazifikküste,
der erhält noch immer alles gratis. Montesinos war zunächst ein junger Offizier, der mit allen Tricks und Intrigen in der Hierarchie zu klettern versuchte. Schließlich flog er ohne Erlaubnis, aber mit geheimen Dokumenten nach Washington und verkaufte sie an die CIA. Das war das Ende seiner militärischen Laufbahn und der Beginn seiner Zusammenarbeit mit der CIA, die bis zu seiner Flucht anhielt – oder immer noch dauert. Als Anwalt hat er es dann verstanden, sich so in den Justizapparat einzufädeln, daß er Teil einer Organisation zum Schutz der großen Drogenhändler wurde. „Osito“ – Kleiner Bär – Escobar hat ausgesagt, sein kurz darauf erschossener Bruder Pablo habe als Boß des Drogenkartells von Medellín den ersten Wahlkampf Fujimoris mit einer Million Dollar mitfinanziert. Das dürfte der Einstieg des Vladimiro Montesinos in die Politik gewesen sein. Fujimori hatte am Anfang keine Macht und nur wenig geliehenes Geld. Deswegen hat er sich an Montesinos gehalten und nicht so sehr, weil der ihm Geburtsurkunden fälschen oder die leidige Sache mit einer falschen Steuererklärung regeln konnte. Montesinos dagegen suchte politischen Einfluss für seine Geschäfte. So haben die beiden sich gefunden. Und bald schon ist Montesinos der Kopf der Drogenmafia in Peru, alles andere als ein Taschendieb also: ein Mann, der mit seiner ökonomischen Intelligenz eine international operierende Bank leiten könnte und der Politik als die ergiebigste Quelle für Gewinne und als den größten Garanten für Straffreiheit betrachtet. Inzwischen wissen wir, dass die CIA ihn bis Ende September 2000 mit insgesamt 10 Millionen Dollar finanziert hat – schließlich war er offiziell der oberste Drogenbekämpfer Perus. Und gleichzeitig hat er bei den großen Drogenhändlern Schutzgelder kassiert und Transporte organisiert. Allein mit der alten Präsidentenmaschine, einer DC-8, hat er bis 96 mehrere Tonnen nach Miami und auf die Kanarischen Inseln fliegen lassen, und Militärhubschrauber pendelten zwischen den peruanischen Anbaugebieten und Kolumbien wie Weberschiffchen hin und her. Die CIA kannte sehr wohl sein doppeltes Spiel. Aber bislang hat sie dazu nur lapidar erklärt: „Für uns war es einfacher, die Zahlungen fortzusetzen.“ Dann
aber macht er einen entscheidenden Fehler. In seiner pathologischen
Raffgier überzieht er das Konto. Ausgerechnet über den libanesischen
Waffenhändler Sarkis Sonaghalian, der wegen seiner Schiebereien schon
eine mehrjährige Haftstrafe in den USA abgesessen hat, fädelt er den
Ankauf von 50.000 Kalaschnikows in Jordanien für die peruanische Armee
ein. Und 10.000 dieser Schnellfeuergewehre werden abgezweigt und mit
vier Flügen über dem Gebiet der kolumbianischen Guerrilla FARC
abgeworfen – zu einem Zeitpunkt, da sich die USA gerade mit großem
Einsatz anschicken, Kolumbien nicht etwa von der Armut, aber von den
Drogen und der Guerrilla zu befreien. Mit
diesem, für seine Verhältnisse nun wirklich kleinen Deal war
Montesinos aus dem Ruder gelaufen. Da muß jemand auf die ebenso
einfache wie elegante Lösung mit dem Video verfallen sein. Über diesen
Jemand darf natürlich spekuliert werden. Jedenfalls genügte ein Griff
in sein geheimes Archiv, das er für seine wichtigste Datenbank und für
seine Lebensversicherung hielt, und schon fiel Montesinos der Länge
nach hin. F.:Aber
noch im Fallen droht er mit Putsch. G.V.:Das
war eine ganz reale Gefahr. Zum einen hatte er sich seine Sondereinheit
von 2.000 Mann aufgebaut, die von israelischen Experten geschult wurden.
Mit den durch überteuerte Waffenkäufe bestochenen Generälen verfügte
er aber auch über Teile der Streitkräfte. Außerdem wurden jedes Jahr
die Beträge für 80.000 Soldaten in den Wehretat eingestellt, die gar
nicht existierten. Reine Phantom-Soldaten. Auch das war ein hübscher
Nebenverdienst. Dann befehligte er noch seine Todesschwadron, die GRUPO
COLINA. Die tat sich u.a. damit hervor, dass sie an der Universität La
Cantuta neun Studenten und einen Professor ermordete. Im Viertel Barrios
Altos hat sie eine Zusammenkunft von 14 ambulanten Händlern und einem
Kind für den Beginn eines Staatsstreiches gehalten und alle fünfzehn
auf der Stelle getötet. Und der Gewerkschaftsführer Pedro Huilca, der
unbequem geworden war, wurde vor seiner Haustür zwischen seiner Frau
und seinen Kindern erschossen – anschließend ließ sich Fujimori ins
Quartier der Gruppe fahren und belobigte sie.
Und natürlich hatte Montesinos alle hinter sich, die von seinem System profitierten und jetzt weitere Videos fürchten mussten. Bis heute wird gegen 530 vormals führende Köpfe ermittelt. 68 davon sitzen in Untersuchungshaft, darunter auch der schnell zum Multimillionär gewordene Chef des Oberkommandos der Streitkräfte, General Hermoza Rios. Andere sind flüchtig und liegen im Schatten ihrer Konten in der Karibik. F.: In Sachen Korruption haben auch wir in der Bundesrepublik inzwischen viel dazugelernt, aber das Kapitel „Wirtschaft und Staat als kriminelle Vereinigung“ haben wir noch nicht wieder so ganz genau durchgenommen. Deswegen kommt mir alles so unwahrscheinlich vor, daß ich vor Unglauben lächeln muß. G.V.:Für uns wurde es wirklich ernst. Denn der Präsident ist offensichtlich unfähig, seinen bissigen Hund Vladimiro zurückzupfeifen. Dafür schickt er den Vorsitzenden des Ministerrates vor: Federico Salas. „Als ich in seinem Büro im Gebäude des Geheimdienstes ankam, erwartete er mich mit den versammelten Generälen der Armee. Ich wußte nicht, was ich machen sollte. Versetzen Sie sich in meine Lage, vor dieser Übermacht fühlte ich mich zu einem Winzling geschrumpft. Ich musste mich zurückziehen, ohne dass ich Montesinos zum Rücktritt hätte bewegen können. Diese Macht wirkte auf mich wie siamesische Zwillinge ... aber schliesslich akzeptierte er doch, und wir konnten die Sache mit Panama regeln.“ F.:Sechs, sieben, jetzt habe ich schon acht Katzen gezählt. Guido, wieviel kommen denn da noch? G.V.: Salas ist ein sehr vorsichtiger Mann und erwähnt eine Kleinigkeit nicht: Montesinos machte zur Bedingung seiner Ausreise, dass er als nachträglichen Lohn für seine zehnjährige Beratertätigkeit 15 Million Dollar erhielte. Er bekam sie, bar, in mehreren Koffern, hatte dann nur nicht mehr die Zeit, das Geld verschwinden zu lassen. – Die Arbeitsteilung zwischen unseren Ländern sieht für gewöhnlich vor: „Nimmst Du heute meinen Schurken, nehme ich morgen Deinen ...“ Aber im Falle Montesinos funktionierte das nicht, keiner wollte ihn. Schließlich übten Washington und die Organisation amerikanischer Staaten auf das schwächste Glied Druck aus, auf Panama, und er konnte mit Gefolge einreisen. Aber Panama empfindet sich ohnehin schon als die Kloake Lateinamerikas und weigerte sich, ihn auf Dauer zu beherbergen. Und schon hatten wir unseren Vogel wieder. F.:Diese weiße Katze wirft dir
jetzt die Vase um. G.V.:Nachts landet er südlich von Lima auf einem Stützpunkt der Luftwaffe und wird vom Militär versteckt. Zunächst hat die Staatsanwaltschaft sehr zögerlich ermittelt, Akten waren plötzlich unauffindbar, immer mehr Juristen entdeckten Symptome schwerer Krankheiten an sich, Beschuldigte konnten abtauchen, inzwischen aber wird in 46 Punkten gegen ihn ermittelt, und die reichen von aktiver Bestechung und Veruntreuung, von Geldwäsche und Drogenhandel bis zu Folter und Auftrag zum Mord. Da entwickelt plötzlich auch Fujimori hektische Aktivitäten: zwei Tage lang fegt er mit einer Autokolonne und einem angeblichen, also falschen Staatsanwalt durch Lima. Er behauptet, Montesinos finden zu wollen, tatsächlich aber sucht er dessen geheime Videos. Endlich entdeckt er im Haus von Trinidad Becerra vierzig Koffer voller Videos und das Geld. F.:Jetzt verschwindet sie in der Vase. G.V.:Wer verschwindet? Wo? F.:Deine Katze. In der Vase. G.V.:Zwei weitere Tage bringt er zusammen mit seinem Bruder Santiago im Palast damit zu, seine Beute zu sichten. Er sucht ihn belastendes Material und solches, mit dem er andere belasten könnte. Und tatsächlich taucht er auf den Kassetten, die hiergeblieben sind, allenfalls mal als jemand auf, der freundlich grüßt. Federico Salas: „Der Präsident war jetzt völlig deprimiert und gar nicht mehr in der Lage, seiner Verantwortung nachzukommen. Da habe ich mit verschiedenen Ministern beschlossen, zum Palast zu gehen, um die Regierungsfähigkeit und Stabilität zu sichern und von ihm als Oberkommandierendem der Streitkräfte zu verlangen, die Militärführung auszutauschen. Und ich habe ihn gefragt: was ist denn mit diesen ganzen Koffern hier? Er sagte: „Alles das hat ein Staatsanwalt beschlagnahmt. Das will ich der Öffentlichkeit vorführen. Ich will zeigen, daß ich bemüht bin, Montesinos zu finden.“ Montesinos in seinem Versteck merkt natürlich, dass die Luft für ihn jetzt ganz dünn wird. Auslandskonten mit den ersten 260 Millionen Dollar werden entdeckt; Unternehmer mit krummen Geschäften und Drogenhändler, bei denen er nach Art eines Paten Schutzgelder kassiert hat; 18 Tonnen nach Mexiko verschobene Koka-Basispaste; das gewaltige Geschäft mit den 36 nahezu fluguntauglichen, in Weißrussland gekauften Jagdbombern, das ihm, den Generälen und Vermittlern die Taschen gefüllt hat; die ausgeraubte Pensionskasse für Polizei und Militär. Und außerdem wird jetzt noch die Exhumierung aller vierzehn Geiselnehmer verlangt, die bei der Erstürmung der Residenz des japanischen Botschafters ums Leben kamen und möglicherweise in seiner Verantwortung hingerichtet wurden. Also wenn die Militärs ihn jetzt fallenlassen, landet er unweigerlich in genau jenem Hochsicherheitstrakt auf dem Gelände der Marine, den er selbst für die Topterroristen des Sendero Luminoso entworfen hat. Im Yachthafen aber liegt der Segler eines ihm verpflichteten Unternehmers, der für eine Regatta vor den Galapagos-Inseln gemeldet ist. Getarnt mit einer Perücke geht Montesinos an Bord und sticht in See. Vieles spricht dafür, dass er sich in Venezuela aufhält. Die Venezolaner aber, denen er einst nach einem Putsch geholfen hat, stellen sich taub, und die CIA scheint unter einem ähnlichen Hörschaden zu leiden, sobald Lima nachfragt. Federico Salas: „Als wir im Palast noch einmal auf Austausch der Militärführung drängten, teilte der Präsident mir mit, daß er zu einer Geberkonferenz nach Brunei fliegen würde, um den Ausgleich des laufenden Haushaltes sicherzustellen. Das war für mich eine gewaltige Überraschung. Es war schon sehr befremdlich.“ Im umfangreichen Diplomatengepäck, mit dem Fujimori reist, stecken neben Videos vermutlich auch Goldbarren, die der Nationalbank fehlen.. Aus Tokio endlich schickt er ein Fax, mit dem er seinen Rücktritt erklärt. Der Kongress nimmt den Rücktritt nicht an, sondern setzt Fujimori als moralisch ungeeignet für sein Amt ab und einigt sich auf eine Übergangsregierung bis zu Neuwahlen im April 2001. In seinem Fax hat Fujimori vorsorglich gleich darauf hingewiesen, dass er immer auch im Besitz der japanischen Staatsbürgerschaft gewesen sei. Das ist für uns ganz neu, und wir müssen auch lernen, dass Japan einzig mit den USA 1980 ein Abkommen zur Auslieferung japanischer Staatsbürger geschlossen hat. – Konten auf seinen Namen sind bislang nicht entdeckt worden. Aber bei 120 Auslandsreisen während seiner Regierungszeit, überwiegend nach Asien, dürfte er Gelegenheit genug gehabt haben, sich im dortigen Bankendschungel ein paar kleine Vorräte anzulegen. F.:Und jetzt? G.V.:So weit aus Perus neuestem Krimi das Kapitel von den siamesischen Zwillingen. Vielleicht solltest du jetzt überlegen, was du bei dir zu Hause noch über uns erzählst. Wir sind nämlich nicht immer nur die Romanfiguren, für die ihr uns gelegentlich haltet. Immerhin füllen sich dieses Mal die Gefängnisse mit den Richtigen. Und erstmals gibt es Konsens über die Einrichtung einer „Wahrheitskommission“. Wir brauchen die Wahrheit über die Massaker, die Verschwundenen, die außergerichtlich Hingerichteten der letzten zwanzig Jahre, um überhaupt erst einmal über so etwas wie Versöhnung reden zu können. Und was alle Aufklärung, was unsere gesamte Publizistik nie geschafft hat, das könnten jetzt diese ganzen Videos schaffen: das System von umfassender Korruption und Gewalt zu zeigen. Und trotz allen Bildungsnotstandes, unter dem wir leiden, müsste so doch mal irgend etwas hängenbleiben! Längst
ist es nicht bei den acht Journalisten geblieben, deren Ermordung in dem
Andendorf Uchurraccay ich vor jetzt langer Zeit zu recherchieren
versucht habe. Von 1980 bis heute sind in Peru dreißig Journalisten
ermordet, andere auf etwas umständlichere Art zumindest vorübergehend
beseitigt worden. Gegen sie, die in übersichtlichen ländlichen
Regionen Mißtände veröffentlicht, Schiebereien um Posten, Geld,
Drogen, Grundstücke, Nahrungsmittel usw. aufgedeckt hatten, boten
sich die Sondergesetze an: sie wurden beschuldigt, der Guerrilla anzugehören
und wegen Terrorismus verurteilt. Gerade
jetzt, während ich in Lima bin, wird nach 9 Jahren der Radiojournalist
Hermes Rivera freigelassen, der zu 30 Jahren verschärfter Haft
verurteilt worden war. In Jaén, im Nordosten Limas, ließen ihn die Brüder
Paredes in ihrem Radio Oriental investigativen Journalismus betreiben.
Das tat er so erfolgreich, daß ihm nach seiner Aussage schließlich
Richter, Staatsanwälte, Polizei und Militär Schweigegelder anboten.Sie
handeln mit der selben Überzeugung wie Montesinos: Jeder ist käuflich,
und auch dieser Wadenbeisser wird ruhig sein, wenn er von uns anständig
geschmiert wird. Weil
sich Hermes Rivera nicht darauf einließ, fand sich bald ein
„reuiger“ Häftling des Terrorismus und bezeugte, genau dieser
Rivera sei einer der führenden Köpfe der Guerrilla. Eine Revision des
Urteils gab es auch dann nicht, als bekannt wurde, dass es sich bei dem
Zeugen um einen seinerseits bestochenen, gewöhnlichen Kriminellen
handelte, der Rivera nie gekannt hatte. Als ich das Urteil hörte, 30 Jahre, war mir, als fiele ich in einen Abgrund, aus dem es kein Entkommen mehr gäbe. Mein Sohn, meine Frau, meine Familie, meine Freunde, mein Leben, alles stürzte in wenigen Minuten in sich zusammen. Ich sah das zerstörte Gesicht meiner Frau – in diesem Augenblick war für mich alles gestorben. Die
Angehörigen unterliegen einem Besuchsverbot, Freunde fallen ab,
Bekannte in der Gemeinde meiden sie, jeder hat Angst, mit ihnen
umzugehen, schließlich geht es um einen verurteilten Terroristen Dilcia
Miranda Romero: Wir hatten bald weder etwas zum Anziehen noch zum Essen. Was wir besaßen,
hatt6e ich verkauft. Und ich habe gelogen, um Arbeit zu kriegen, aber
schließlich kamen sie dahinter und schmissen mich raus. Publikationsmöglichkeiten
gab es während dieser Jahre immer eher in der Hauptstadt – wenn nicht
gerade in den Massenmedien, so in kleinen Zeitschriften und in Buchform,
beides freilich so marginal und beides so teuer, daß es das Regime
hinnahm. Einer dieser Publizisten im „ehrenwerten Schatten“ ist Raul
Wiener. Er hat Zeitschriften gegründet und ihr schnelles Dahinscheiden
erlebt, war wissenschaftlicher Berater politischer, gewerkschaftlicher
und bäuerlicher Organisationen und hat kritische Bücher veröffentlicht,
so über Garcia noch während dessen Präsidentschaft und wiederholt über
Fujimori. Zu ihm mache ich eine lange Fußwanderung durch die koloniale
Innenstadt, die früher von tausenden von ambulanten Händlern blockiert
war und quer durch verschiedene öffentliche Parks, die nichts als
versandete Müllabladeplätze waren. Jetzt ist die Innenstadt geräumt
und wieder ohne erhöhtes Risiko begehbar, die Parks sind bepflanzt,
bewacht und bewässert: die Diktatur hat aufgeräumt und die Bewohner
mit einem Rest an Lebensqualität über sich zu täuschen versucht.
Schließlich finde ich Raul Wiener in einem der guten Wohn- und Geschäftsviertel
als Sekretär des Komitees Carlos Malpica, eine Art Vordenker der
Gewerkschaftsbewegung, der verstorben ist: Sie fragen mich nach den Wahlen. Also wählen müssen wir, denn bei uns herrscht Wahlpflicht. Aber ich bin dafür, eine ungültige Stimme abzugeben. Außer Fujimori und Montesinos ist uns doch alles geblieben. Fujimori war sehr darauf bedacht, daß sein eigener Sturz nicht zum Sturz des Systems wurde. Wir hatten eine erste, dieses Mal immerhin wirklich saubere Wahl. Zur Stichwahl stehen jetzt Alejandro Toledo und Alan Garcia an. Aber egal wer gewinnt, der neue Präsident muß mit der von Fujimori geschaffenen Verfassung regieren, und er wird umgeben sein von Institutionen, die von der jetzigen Übergangsregierung nicht abgeschafft oder wesentlich verändert wurden. Auf dem Land sind die Strukturen völlig unverändert geblieben. Natürlich wurde mehr Geld für die Provinzen und Gemeinden gefordert, aber von der längst überfälligen Dezentralisierung, Voraussetzung doch für eine demokratische Regional- und Kommunalpolitik, war nie die Rede. Die Direktiven kommen weiterhin aus Lima, vom Präsidenten. Der gibt Geld, und der entzieht es. Was die Kandidaten uns jetzt anbieten, sind alles Provisorien. Sie selbst sind ja Improvisationen. Wir brauchen mehr Zeit für eine Säuberung der Institutionen, eine Änderung der Verfassung. Jetzt hagelt es nur Versprechen. Kaum hat der eine seins abgegeben, wiederholt es der andere wie ein Papagei. Wir brauchen eine Agrarbank, sagt der eine. Wir werden Kredite an die Kleinbauern vergeben, sagt der andere. – Wir schaffen Arbeit für die Armen, sagt Toledo. Wir stärken Industrie und Landwirtschaft und damit die Ökonomie der Familie, sagt Garcia. Wir schaffen eine Marktwirtschaft mit menschlichem Gesicht, so Toledo. Wir schaffen eine soziale Marktwirtschaft mit sozialer Gerechtigkeit, so Garcia. Zwar stimmt es, daß wir mit dem ganzen Berg an Videos, und der ist wohl einmalig auf der Welt, klare Einsichten in das Ausmaß der Korruption haben. Aber kaum jemand hat eine Vorstellung davon, daß die peruanische Regierung selbst organischer Teil des Ganzen war. Diejenigen, die bisher Untersuchungen durchführten, haben sich von Einzelaspekten blenden lassen, von einzelnen Fällen, aber so wird das System nicht deutlich, mit dem man heimlich und massenhaft paktierte: wie hingen die Hunderte und Aberhunderte zusammen, was steckten die Hintermänner ein. Und da nicht deutlich wird, daß es systematische Politik war, können die Beschuldigten auch die unterschiedlichsten Strategien für ihre Verteidigung entwickeln: ich habe als Privatperson ein Darlehen aufgenommen, der andere war auch Privatperson, der hat mich beschenkt ... usw. Ich fürchte, es endet damit, daß einige Militärs ihre Posten los sind, basta. F.:Also ist der Schock doch nicht sonderlich tief gegangen ... R.W.:Nein. Man muß doch folgendes sehen: zu der Zeit, da die freie Marktwirtschaft am lautesten propagiert wurde, war sie am deutlichsten vom Geheimdienst gesteuert. Alle paktierten heimlich miteinander. Unsere größte Bank mit Dionisio Romero an der Spitze hatte sich voll mit der Mafia eingelassen, und er denkt jetzt gar nicht daran zurückzutreten. Die anderen Banken waren Ergebnis eines Arrangements mit der Mafia, wurden von ihr entschuldet, wieder flottgemacht. Und dann haben wir den Skandal mit den Massenmedien, die zu einer vollständigen, durch Korruption und juristische Hilfestellung entstandenen Propagandamaschine wurden. Aber die mit großen Summen bestochenen Besitzer der Fernsehkanäle und Zeitungen bleiben die Besitzer, es gibt keine Möglichkeit, ihnen diese Instrumente wegzunehmen, sie sind Teil ihres Privatvermögens. Und schließlich dürfen sie nicht vergessen: ein großer Teil der Peruaner wollte Fujimoris zweite Wiederwahl. Er hatte ja alle politischen Alternativen zerstört, manche eingebunden. So hat er der Partei des jetzigen Kandidaten Garcia sogar Geld für ihren Wahlkampf gegeben, um Toledo zu bremsen, und das war erst im letzten Jahr! (Büro des Geheimdienstes. Anwesend: Montesinos und Agustin Mantilla, früher Generalsekretär der Apra und Minister des Inneren in der Regierung von Alan Garcia. Montesinos: So ganz unter uns, mit ausgezogenen Schuhen: können wir uns nicht gegenseitig helfen? Mantilla: Sehen Sie, lieber Freund, ich will Ihnen nicht die Zeit stehlen. Aber wir haben einfach keine Mittel für den Wahlkampf. Unsere Leute sehen, dass wir nicht präsent sind, und schon liebäugeln sie mit der Möglichkeit, ungültige Stimmen abzugeben. Wieviel brauchen Sie? Von heute bis zum eigentlichen Wahlkampf Fünfzig oder Hunderttausend. Gut, Don Agustin, ich werde Sie unterstützen. (Montesinos steht auf, kehrt mit einem Bündel Geldscheinen zurück und zählt sie vor seinem Gesprächspartner: 10, 20, 30.000 Dollar. „Hier sind wir unter Freunden. Das bleibt unter uns,“ sagt er. Im Gegenzug sichert ihm Mantilla die Unterstützung seiner Partei für Fujimori bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu. – Nach Ausstrahlung dieses Videos im Kongreß und über die Fernsehsender wurde Mantilla aus der Partei ausgeschlossen. Inzwischen sind auf Konten in der Schweiz über 2 Millionen Dollar aufgetaucht, deren Herkunft er nicht erklärt.) R.W.:: Dazu kommt, daß wir immer noch wie erstarrt sind vom Kampf gegen den Terrorismus und befangen in einer Art von militärischem Denken. Wir denken noch in den Kategorien von Denunziation, Verfolgung, Verhaftung und Bestrafung,, und die politische Kultur besteht darin, daß die freie Marktwirtschaft unantastbar ist. Inzwischen dauert der Wahlkampf des Dr. Alejandro Toledo 20 Monate. Er ist zweifellos eine interessante Persönlichkeit. Ein Indio aus dem Gebirge, der genau weiß, was ein Schuhputzer ist und der es doch bis zum Doktor der Ökonomie in Stanford schafft, Mitarbeiter der Weltbank wird und in zahlreichen internationalen Organisationen Erfahrungen sammelt. Aber er ist ein Populist. Er ist alles und nichts. Und wenn er sich gar mit dem letzten Inkaführer Tupac Amaru vergleicht, der vom spanischen Vizekönig hingerichtet wurde, dann muß er sich gefallen lassen, von seinen Gegnern das „Lama aus Stanford“ gescholten zu werden – er thematisiert damit unseren latenten Rassismus nicht, er schürt ihn. Eben weil er den Streit um politische Inhalte scheut. Wie jeder Populist. Alan Garcia dagegen ist erst kurz vor Beginn des Wahlkampfes aus seinem Exil in Kolumbien und Paris zurückgekehrt – offensichtlich ist er als Unschuldiger vom Himmel gefallen, als ein von Fujimori Verfolgter, dem eine vollständige Absolution zuteil geworden ist und der abstreitet, daß es weitere Verfahren gegen ihn geben könnte. F.:Die „Wahrheitskommission“, sofern sie denn richtig arbeiten könnte, müßte sich ja auch mit ihm beschäftigen. R.W.:Natürlich. Zusammen mit Ricardo Letts arbeite ich in einer Gruppe, die sich mit dem Massaker in EL FRONTON von 1986 beschäftigt. Auf dieser Gefängnisinsel vor dem Hafen und in zwei weiteren Anstalten hatten die Gefangenen massiv gegen ihre unbeschreiblichen Haftbedingungen revoltiert. Was tut der Präsident Garcia? In einem Akt von Arroganz ruft er den Ministerrat zusammen und läßt seinen Entschluss von ihm absegnen. Dann erteilt er der Armee den Befehl, das Problem umgehend zu lösen. Das Ergebnis sind über 250 tote Häftlinge.- Außerdem verdichten sich bei unserer Arbeit die Anzeichen dafür, daß die damalige Terrorgruppe Rodrigo Franco nichts anderes war als das Killerkommando GRUPO COLINA unter Fujimori/Montesinos. Also: wenn Garcia die Wahl
gewinnt, was ist dann mit der Arbeit einer
„Wahrheitskommission“? Und wenn sie tatsächlich richtig arbeiten
kann: was ist dann mit dem gewählten Präsidenten? Wird auch er dann
ein „Mann auf der Flucht?“ Zitat
Alan Garcia drei Tage vor der Stichwahl: Früher hieß es, daß man dem Terrorissmus mit der allergrößten Härte begegnen und die Exzesse am besten verheimlichen sollte. Ich kann mir doch jetzt nicht Morde auf die Schultern laden, die andere begangen haben. Mirko
Lauer hat sein Büro unweit der Brandruine der Nationalbank im
Redaktionsgebäude der Tageszeitung La República. Hier ist er Redakteur
für Politik und Kommentator: Jeder in diesem Land wußte alles. Und jeder hat sich jeden Tag an etwas mehr gewöhnt – und hat geschwiegen. Wir als Zeitung waren 1990 bereits etabliert genug, und dank ihres Eigentümers, Gustavo Mohme, der sich weder einschüchtern noch bestechen ließ, konnten wir immer ein paar Zentimeter über das erlaubte Maß hinaus arbeiten. Ich habe also Glück gehabt, ich konnte arbeiten, viel lernen, andere mußten ständig ihren Schreibtisch räumen und das Medium wechseln. Es gibt noch jede Menge Korruptionsskandale, Waffenkäufe usw., die wir veröffentlicht haben und die sich die Justiz noch nicht einmal angesehen hat. Den Fall Uchurraccay haben wir weitgehend selbst aufgeklärt, durch Fotos und Zeugenaussagen, schließlich waren die acht Ermordeten ja zum größten Teil Mitarbeiter dieser Zeitung. So haben wir eindeutig wiederlegt, was Mario Vargas Llosa in seinem Untersuchungsbericht behauptete: die Dorfbewohner, Analphabeten und in der Steinzeit lebend, hätten die zu ihnen aufsteigenden Journalisten für Terroristen gehalten und sie deswegen erschlagen. Vielmehr steckte das Militär dahinter, das von Anfang an jede Art von Öffentlichkeit in den Ausnahmezonen unterbinden wollte. In diesem frühen Stadium verpflichtete sich das Militär noch die Täter. Es schüchterte die Bewohner von Uchurraccay ein, bestach sie mit Lebensmitteln, die sie nie zuvor gegessen hatten, drohte ihnen und zwang sie so zum Mord. Kurz darauf löschte das Militär selbst halbe Dorfgemeinschaften aus. Schließlich kommt die große Mehrzahl der Opfer aus dem ländlichen Bereich und ist indianischen Ursprungs. Jetzt muß, zum Beispiel mit einer „Wahrheitskommission“, alles andere aufgearbeitet werden, und den Schlüssel zu vielem hat das Militär ... Wir brauchen dringend seine Reform. Die Militärs dürfen nicht wählen, aber sind einer der entscheidenden politischen Faktoren. Sie leben noch völlig in einer Welt für sich, umgeben von Feinden, die gar nicht existieren. Zwar haben wir Wehrpflicht, aber für jemanden, der sich auskennt, gibt es zig Möglichkeiten, sie zu umgehen. Den einfachen Leuten, den Landbewohnern gelingt das nicht. Sie haben nicht diese Informationen. Und das sind ja auch die Leute, die von den Militärs gewollt werden: mit denen können sie machen, was sie wollen. Welcher Präsident nun garantiert
uns solche Reformen? Von Toledo müssen die Konservativen nichts befürchten.
Und aus Rücksicht auf seine Stammwähler wird sich Garcia erst einmal
mit der Unternehmerschaft anlegen und die Arbeitsgesetze ändern müssen,
die Fujimori für sie geschaffen hat. Francisco
Eguiguren wird als Verfassungsrechtler bei der nötigen mindestens
Reform, wenn nicht Neuformulierung einer Verfassung wieder gefragt sein.
Außerdem ist er Lehrstuhlinhaber an der Katholischen Universität,
die im Gegensatz zur staatlichen Universität San Marcos, der ältesten
Lateinamerikas, sehr gut ausgestattet ist. Noch etwas atemlos kommt er
gerade von einer Vorlesung in sein Büro: Diese jungen Studenten heute, sie wissen nichts, sie hinterfragen nichts, unmöglich ... aber soweit es überhaupt noch eine politische Bewegung unter ihnen gibt, ist sie nicht mehr, wie früher, bloß ideologisch ausgerichtet. Jetzt zielt sie auf die Verteidigung und Wiederherstellung der demokratischen Institutionen, das ist schon ein sehr interessantes Phänomen. Und sie richtet sich gegen die bekannten Politiker, darunter auch gegen einige durchaus respektable. Die Politiker haben bei dieser Jugend alle verloren. Aber Sie wollten mit mir über die Wahrheitskommission reden. Also von der halte ich wenig. Sie werden sehen, wie es läuft. Die Justiz lehnt sich bequem zurück und sagt: ja klar, nun macht doch. Und nachher sagt sie: was wollt ihr denn, jetzt ist doch alles aufgearbeitet, und außerdem liegt es schon so weit zurück. Nein. Diese Aufgabe einer Wahrheitskommission muß die Justiz selbst erfüllen. Dazu ist sie da. Und dazu muß sie zunächst einmal von allen gesäubert werden, die das Recht gebeugt und sich an das Regime verkauft haben. Im Gegensatz zu Europa und
Nordamerika haben wir in Lateinamerika keine Tradition einer unabhängigen
Justiz. Und was dort gerade noch funktionieren mag, nämlich dass die
obersten Richter und Staatsanwälte von den Regierungen ernannt werden,
das hat bei uns fatale Folgen. Es gibt keine justizinternen Prüfungen
und Bewertungen, sondern gefördert wird nach Wohlverhalten. So war es
nicht nur eine Frage der Bestechlichkeit, dass Fujimori/Montesinos die
Justiz voll in der Hand hatten: sie haben uns bloß noch einmal deutlich
gemacht, wie anfällig dieses System ist. Sofia
Macher hat einen Beruf, den es bei uns nicht gibt – als gewählte
Generalsekretärin koordiniert sie die Arbeit von insgesamt 61
regierungsunabhängigen peruanischen Menschenrechtsorganisationen.
Die Koordinationsstelle hat beratenden Status bei den Vereinten Nationen
und finanziert sich durch internationale Hilfe, die bevorzugt aus den
nordischen Ländern kommt. Und tatsächlich sitzen bei meinem Besuch im
Flur des kleinen Hauses zwei junge, noch sehr winterblasse Männer aus
Finnland, die sich begierig auf einen Teller mit Stickern stürzen, als
sei es Selbstgebackenes. Es wird der einzige greifbare Lohn für ihre
lange Reise hierher bleiben. Uns gibt es seit 16 Jahren. Alle zwei Jahre halten wir eine Generalversammlung ab, auf der Ergebnisse unserer Arbeit vorgestellt werden und über neue Ziele entschieden wird. Lange Zeit waren wir hauptsächlich mit den Tausenden von Verschwundenen beschäftigt, dann mit den unschuldig zu hohen Strafen Verurteilten, deren Zahl schwer abzuschätzen ist. Bis heute gelten die Antiterrorismus-Gesetze, abgeschafft wurden vor zwei Jahren nur die „Richter ohne Gesicht“ an den Militärgerichten. Bei diesen Prozessen war keinerlei Beweiserhebung und Beweiswürdigung erforderlich, zur Verurteilung reichte das Zeugnis eines der Geheimdienste, des Militärs oder der Polizei. Bis heute weigern sich diese Militärgerichte, ihre Unterlagen zugänglich zu machen. 1991 wurden die Strafen noch erheblich verschärft, aus zuvor fünf Jahren konnten fünfzehn werden oder lebenslänglich, und wir vermuten, daß von solchen Urteilen etwa eintausend Unschuldige betroffen sind. Eines unserer Nahziele jetzt ist natürlich die Einrichtung einer „Wahrheitskommission“. Die Übergangsregierung hätte die einmalige Chance, sie ins Leben zu rufen. Ihr Mandat endet am 28. Juli, sie muß sich um keine Wiederwahl bemühen, und wenn das Militär je klein war, dann jetzt, nach diesen ganzen Skandalen, die den Generälen die Taschen gefüllt haben. Unter einer neuen Regierung, sei es die von Toledo oder von Garcia, wird es schon wieder anders sein, die denkt an ihre fünf Jahre und taktiert von vorneherein. Und mit den Militärs wird es ohnehin äußerst schwierig: jene, die jetzt an der Spitze stehen und moralisieren und von Erneuerung reden, das sind doch gleichzeitig jene, die als junge Offiziere die Befehlsgewalt in den Ausnahmezonen hatten. Und genau dort liegen die noch geheimen Massengräber. F.:Und schon gibt es genügend Stimmen, die mahnen: wir verstehen zwar den Schmerz der Angehörigen von Verschwundenen und unschuldig Verurteilten, aber laßt uns doch diese ganze Vergangenheit endlich abschließen und neu anfangen. Was ist damit? S.M.:Dieses unglaubliche Verdrängungspotential gibt es wohl in jeder Gesellschaft. Aber es klappt ja nie. Die nicht bewältigte Vergangenheit ist noch in jedem Fall zur Gegenwart geworden und hat den Neubeginn behindert. – Ich sehe fast täglich diese Menschen: wo der Mann, der Bruder verschwunden ist, die Frau oder die Schwester, wo den Angehörigen selbst die Trauer um einen Toten genommen ist, da geht das Leben auf eine sehr reduzierte Art weiter. Es ist eine Art geborgten Lebens, eine Art von bloßem Überleben. Allen diesen Angehörigen sind wir die genaue Aufarbeitung unserer bislang geheimen Geschichte schuldig. Und wir müssen diese Aufarbeitung leisten, um neu beginnen zu können. Gegenwärtig ist alles zerstört. Der Wiederaufbau einer demokratischen Gesellschaft wird fünf bis zehn Jahre dauern. Und er ist nötig, weil wir geschwiegen haben. Und in diesem Schweigen und in diesem Entsetzen, in dieser Ohnmacht, genau da hatten sich Fujimori und Montesinos eingenistet. Nur in dieser Lücke, die wir alle gelassen haben, waren die beiden möglich. Erst wenn wir das alle erkennen, können wir alle neu beginnen. Mit
einer so großen Hypothek freilich will die Übergangsregierung den
neuen Präsidenten nicht belasten. Drei Tage vor der Stichwahl zwischen
Toledo und Garcia bringt sie nicht etwa ein Gesetz zur Schaffung einer
„Wahrheitskommission“ ein – sie erläßt ein Dekret. Das aber
kann vom neuen Regierungschef leicht modifiziert werden. Für die
gewaltige Aufgabe benennt sie nicht mehr als sechs Kommissionsmitglieder
– darunter eine Kongressabgeordnete, die Parteigängerin Fujimoris
war, und nicht eines der Mitglieder kommt aus dem Kreis der
Menschenrechtsbewegung. Auch soll die Kommission offensichtlich auf
das Wohlwollen jener angewiesen bleiben, die im Besitz der noch geheimen
Informationen sind: in dem Dekret findet sich keinerlei Hinweis darauf,
welche Rechte die Kommission hat und welche Pflichten zu Auskunft und
Zusammenarbeit, zu logistischer Unterstützung
Justiz, Polizei und Militär. Die
geheime Vergangenheit bleibt also vorerst noch weggeschlossen, und daß
es jemals einen Schlüssel zu ihr geben wird, ist nicht mehr als ein
Versprechen. Und
so gehen die beiden Kandidaten in die letzte Runde ihres Schaukampfes: Hier,
in der rechten Ecke (um im Bild zu bleiben): Alejandro
Toledo. Er kann sich zugute halten, dass er als einer der wenigen
Politiker gegen die Diktatur gekämpft hat. Aber er hat sich während
seines fast zweijährigen Wahlkampfes auch einige
Schrammen geholt: mehrfach meldete sich eine angeblich unehelich
gezeugte Tochter und reklamierte Anerkennung. Und selbst mir ins
entfernte Köln wurde das Ergebnis einer seiner Blutproben gefaxt, und
das bedeutete: der Kandidat hat Kokain geschnüffelt, und angeblich hat
er sich, derartig gestärkt, mit drei Damen gleichzeitig in einem Hotel
vergnügt. Die
Wähler sind daran gewöhnt, daß die Kandidaten bei dieser Art von
Schaukampf mit besonderen darstellerischen Leistungen brillieren: jeder
für sich stellt, auf seine Art, den Präsidenten dar, spielt ihn und überzieht
die Rolle, nimmt spielerisch – und prahlerisch – nationale Wunschidentitäten
an, überhöht also das, was auf blassere Art auch in jedem unserer
Wahlkämpfe angelegt ist, tönt und blufft und stellt sich somit nicht
nur als künftiger Erster Mann im Staate vor, sondern auch als Erster
Darsteller des Landes. Gerade
das aber will diesem Kandidaten nur mäßig gelingen. Er bleibt spröde,
wiederholt sich, und wenn er sich wieder einmal auf seine indianische
Abstammung bezieht und auf jenen legendären letzten Inka-Führer, dann
muss er sich inzwischen vorhalten lassen, dass dieses Inka-Reich zwar
mustergültig organisiert war, das Volk aber überhaupt nichts zu Lachen
hatte, sondern unter blutiger Gewalt litt. Und
dort, in der anderen Ecke (um nicht zu sagen: in der linken): Hier
tritt Alan Garcia Perez an, der erst vor kurzem aus seinem Exil rückgekehrt
oder, wie die Gegner sagen, als Unschuldiger aus einer hoch treibenden
Wolke gefallen ist. Er hat eine bemerkenswerte Aufholjagd hinter sich
und hat zweifellos den intelligenteren Wahlkampf geführt. Garcia ist
als geläuterter, in entbehrungsreichen Exiljahren gereifter
Staatsmann aufgetreten, der sich brav für frühere Fehler, quasi
Jugendsünden, entschuldigte. Mit seiner überlegenen Rhetorik
punktete er mühelos bei der einzigen Fernsehdebatte der beiden
Kandidaten, konnte sich außerdem auf die einzige gut organisierte
Partei des Landes stützen und dazu noch mit vielen der Jungwähler
rechnen, die keine Erinnerung an seine verheerende erste Regierungszeit
haben. Das sind Wähler, die sich inzwischen auch in Peru die Welt am
eigenen Rechner oder im Internetcafé betrachten und die sich für ihr
Land nicht einen Mann im Poncho der Indios wünschen, sondern einen, der
so weltläufig ist, wie ihnen die Elektronik erscheint. Eine
der schärfsten Kritiken an Garcia kam kurz vor der Stichwahl des 3.
Juni vom zur Zeit einzigen literarischen Exportartikel Perus, von
Mario Vargas Llosa, der seit seiner vergeblichen Kandidatur gegen
Fujimori lieber im Kreis seiner zahlungskräftigen Leser in Europa und
den USA lebt, aber zur Wahl nach Lima zurückkehrte, wo sich die Bücherfreunde
allenfalls einen Raubdruck leisten können: Für Garcia bedeutet Politik:
reden, überzeugen, verzaubern mit Worten, Gesten und auch
Dreistigkeiten. Das bedeutet, er ist reine Gegenwart, ein Spektakel, das
nur wirklich ist, so lange es dauert. Was in ihm gesagt wird, hat nur
Bedeutung, während es gesagt wird und verpflichtet den Politikzauberer
nicht auf seine künftigen Handlungen, wie auch die langen
Tiraden von Shakespeare und Calderon nicht den Schauspieler
verpflichten, der sie auf der Bühne hält ... die Menschen ändern
sich, natürlich, und es gibt keinen Grund, warum Garcia nicht aus
seinen monumentalen Irrtümern gelernt haben sollte, die das peruanische
Volk so teuer bezahlen musste. Das Problem bei ihm aber ist, daß man es
nie wissen kann. Er ist ein Schauspieler, und die Schauspieler auf der Bühne
lügen nicht: sie wechseln nur den Text, gemäß der Rolle, die zu
spielen sie sich gerade ausgesucht haben. Am
Abend dieser Stichwahl haben fast alle gewonnen: Die
Demokratie, weil es eine anerkannt saubere Wahl war. Toledo, weil er mit
knapper Mehrheit der künftige Präsident ist. Garcia, weil er die von
ihm selbst ruinierte Partei wieder
konsolidiert und sich nachhaltig für das nächste Rennen empfohlen hat.
- Selbst Fujimori hat gewonnen, denn bislang konnte sich der Kongress
nicht darauf verständigen, ihn wegen Verletzung der Menschenrechte
anzuklagen, eine Klage, die auch in Tokio verhandelbar wäre. Hier sitzt
er in einer denkbar luxuriösen Wohnung und ediert unter
fujimorialberto.com eine Internetseite, auf der er noch immer behauptet,
Peru aus der Finsternis ins Licht geführt zu haben. Und alle Schuld
schiebt er seinem siamesischen Zwilling zu: Vladimiro Montesinos. Der
ist bislang der einzige Verlierer. Er wurde in Venezuela verhaftet,
bewohnt zwei Zellen jenes von ihm selbst entworfenen
Hochsicherheitstraktes und schiebt alle Schuld seinem siamesischen
Zwilling zu: Alberto Fujimori. Allein sein achtmonatiges Versteckspiel
in Venezuela sowie die Umstände seiner Verhaftung und Auslieferung sind
schon wieder ein neuer Politkrimi, und da er inzwischen redet, fügt er
ständig neue Kapitel hinzu. Natürlich
fragen sich die Peruaner inzwischen, auf welcher Seite sie nun gelandet
sind – auf jener der Gewinner oder wieder einmal auf jener der
Verlierer. Darauf muss der neue Präsident sehr schnell eine Antwort
geben. Schon entdecke ich auf dem Gelände der größten Universität
dieses Spruchband: Das Gedächtnis des Volkes ist nicht so gut, wie uns die Ideologen der Vergangenheit gern versicherten; aber es ist auch nicht so schlecht, wie die Versager gern hoffen. 2001
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