Als ich nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder auf dem Flughafen Jorge Chavez in Lima lande, bin ich für jede Freund­lichkeit empfänglich, auf die ich so spät in der Nacht noch treffe.

Der Taxifahrer neppt mich mit dem doppelten Fahrpreis, dem Gringo-Preis. Ich lasse ihm den Nepp. Ich bin froh, daß er erzählt: vom jahrelangen Terror der Bombenanschläge von Sendero Luminoso, den Morden, Stromausfällen, den Ausgeh­sperren, Notständen - jetzt endlich sei Ruhe eingekehrt, es gehe aufwärts mit dem Land. Wie oft habe ich das schon gehört. Immer war es wissentlicher Selbstbetrug und gezielte Über­lebens­hilfe. Heute nacht aber möchte ich es gern einmal glauben. Die Wiederbegegnung mit dieser Stadt, mit diesem Land, in dem ich gelebt habe, hat mich dafür empfänglich gemacht. Ich will meine alte, immer äußerst schwierig gewesene Liebe von einst wiederfinden. Zehn Jahre lang habe ich sie verraten, nachdem ich durch zwei Revolverschüsse von ihr verraten worden war. Jetzt schmerzt die verstrichene, in anderen Ländern abgelebte Zeit. Die Versäumnisse schmerzen. Mein um zehn Jahre aufgestocktes Alter schmerzt mich. Ich spüre die Liebe von einst wieder und fühle mich gleichzeitig als ein alt gewordener Mann, weil so viel Zeit für die mögliche Liebe verstrichen ist.

Lima, neben Bogotá seit langem die heißeste Hölle Latein­amerikas, ist in dieser Zeit um ca. 4 Millionen auf rund zehn Millionen Bewohner, um Flüchtige und Siedler der Not an ihren schatten- und wasserlosen Rändern gewachsen. Aus der auch damals schon verfallenen Innenstadt haben sich die besseren Geschäfte und Büros endgültig zurückgezogen nach Miraflores hoch über dem Meer am südlichen Ende der Pazifikbucht. In der Innenstadt sind der Erzbischof in seiner sandfarbenen Kathedrale und der Präsident in seinem weißen Palast daneben allein geblieben mit dem Müll in den umliegenden Straßen, dem Gewühl der ambulanten Händler, den dazwischen lebenden Dieben und Hehlern und Halsabschneidern, den Abgasen der schrottreifen Autos und Kleinbusse, den Polizisten, Soldaten, den ebenfalls schwer bewaffneten zivilen Wachmännern, die jedes noch halbwegs intakte Gebäude sichern: eine Gesellschaft am Ende eines Krieges. Insgesamt fünfzehn Jahre hat der Krieg gegen Sendero Luminoso gedauert. Jetzt flackert er nur noch an wenigen Punkten im Land, dort, wo ihn die Kokainmafia unterstützt. Aber überall hat er eine durchmilitarisierte Gesell­schaft hinterlassen, die an Salven automatischer Waffen aus fahrenden Autos, an die Explosion von Autobomben, an die Verlängerung von Notständen und Ausgangssperren gewöhnt ist und an eine staatliche Macht, die täglich aus der gewählten Legitimität zu kippen droht. Eduardo Galeano hat längst für alle diese Systeme, den brisanten Cocktail aus scheinbarer Demokra­tie und anscheinender Diktatur den Begriff DEMOKRATUR geprägt.

Der von Sendero Luminoso ausgelöste Krieg hat dem Land ca. 25.000 Tote, 6.000 spurlos Verschwundene, 50.000 Waisen und 500.000 Flüchtlinge beschert. Materielle Schäden, Verluste, Aufwendungen belaufen sich auf ca. 25 Milliarden Dollar, was ungefähr der Höhe der gesamten Auslandsschulden Perús entspricht. Und der Krieg hat die Menschen verändert. Ein großer Teil jener Offenheit ist verschwunden, mit der - bei immer mangelhafter "öffentlicher", also institutionalisierter Öffentlich­keit - privat Politik verhandelt wurde. Das private Gespräch war wohltuend oft eine bewundernswerte Mischung aus vertrauens­voller, intimer Mitteilung und politischer Analyse. Es war vertrauensvoller und intimer als im unterkühlten Mitteleuropa, gar in der bei solchen Gesprächen eher spröden, immer noch unerfahrenen, wenn nicht verstockten oder zur Polterei neigenden Bundesrepublik. Intimes und Öffentlich-Politisches wurden in einem Atemzug behandelt, so wie es richtig ist, weil es so gleichzeitig die Menschen beschäftigt und betrifft. Daß dabei auch immer lateinamerikanische Darstellungsgabe mit im Spiel war und damit eine gewisse Flunkerei, verstand sich für den Peruaner von selbst. Das zog er ab wie einen gewährten Rabatt. Der Fremde mußte sorgfältiger wägen.

Das vermisse ich als erstes in jenem Hostal, in dem ich schon vor über einem Jahrzehnt bei meinem ersten Erkundungsbesuch abgestiegen bin. Auch damals war es schon das Museum eines kleinen Hotels der 40er Jahre. Die deutschstämmige, inzwischen verwitwete Señora, die es betreibt, ist mittlerweile vom Alter gekrümmt, das Fell ihrer Katze hat nackte Flecken. Störrisch läßt sie keinerlei Veränderung an ihrem Museum von Hotel zu: die selben schäbigen Sessel, finsteren Lampen, abgetretenen Boden­beläge, selbst die Kaffeetassen sind noch jene des Museums von einst.Sie hat sich eingesponnen in den Traum und die Kraft ihrer Jugend, aber die Kraft ist lange dahin, und der einst frische Traum hat längst den Lima-Geruch aus mehreren Jahrzehnten angenommen, den Staub, den Schimmel der immer feuchten Pazifikluft, die süße Schwere der Abgase, die schnell Kopf- und Halsschmerzen verursachen.

Unser Land ist immer noch schön, wie eh und je, Sie müssen nur aus dieser schrecklichen Stadt herausfahren, sagt sie. Einge­sponnen in ihr Museum von Hotel, hat sie die Stadt ausgesperrt. Nur das Alter hat sie nicht aussperren können. Und bald wird der Tod kommen und sie in ihrem Museum überraschen an einem Tag, an dem auch der letzte Gast abgesagt hat, weil er noch zu jung ist, um mit dem Tod zu schlafen.

Aussperren konnte sie auch nicht die Veränderung an ihren Angestellten und bei den wenigen peruanischen Geschäfts­reisenden, die ihr noch die Treue halten. Wieder und wieder versuche ich abends, nachdem in Las Vegas Axel Schulz gegen George Foreman geboxt hat und von den Ringrichtern um seinen Sieg betrogen worden ist, mit ihnen darüber zu reden, wie sie die letzten Jahre, den Höhepunkt des Terrors in Lima erlebt und überstanden haben. Der ganze Komplex Terrorismus ist angst­besetzt. Einem Femden gegnüber scheuen sie sich zu schildern, in welch tiefer Krise ihr Land war; wie knapp es davorstand, ganz im Terror einer auf Perú beschränkten Weltrevolution zu versinken oder in der Gewalt einer neuerlichen Militärdiktatur, die als erstes die politische Landschaft aufgeräumt hätte bis tief hinein ins Lager der Liberalität. Zum anderen - und hier wirken sich der noch weit verbreitete Aberglaube aus, die Heilungen und Beschwörungen der Hexer und Teufelsaustreiber und medizini­schen Scharlatane - scheinen sie ernsthaft zu fürchten, die bloße öffentliche Rede über den Terrorismus ziehe den nächsten Bombenanschlag wie ein Magnet an, und dieses Mal geschähe er hier, in diesem Museum eines Hotels, direkt unter ihrem schäbigen Sessel vor dem Fernseher. Und natürlich haben zu dieser Angst auch die Rechtsunsicherheit und der Gegenterror der Regierung geführt. Sie ließ Hunderte von des Terrorismus bloß Verdächtiger in Schnellverfahren ohne Berufungs­möglichkeit zu hohen Freiheitsstrafen von anonymisierten Richtern aburteilen, den "Richtern ohne Gesicht". Und jeder weiß inzwischen, daß sich unter den Verurteilten Dutzende von absolut Unschuldigen, aber aus manchen Gründen Unerwünsch­ten befinden - und nicht ein einziger Schuldiger aus den Reihen des Militärs.

Die Touristenhotels, die von Verträgen mit den großen Reisegesellschaften lebten, sind jetzt, am Ende von Regenzeit und heißem Sommer, in der besten Reisezeit also, völlig leer. Es wird noch eine Weile dauern, bis die älteren bildungsbeflissenen Reisenden aus Nordamerika und Europa, die reisenden Studien­räte und rosigen Beamtenwitwen, wieder Zutrauen fassen und sich erneut die geschliffenen Steinquader der Inkas, die Hüte und Röcke und Ponchos ihrer Quechua und Aymará sprechenden, kleinwüchsigen Nachfahren in den Anden ansehen wollen. Dafür sind die Luxushotels voll mit Gruppen von jungen, dynamischen Männern, die in dunklen Anzügen stecken und schlanke Akten­mappen hüten. Sie werden mit Wagen des diplomatischen Dienstes herumgefahren. Sie sind hier, um die Schätze des staatlichen Besitzes zu begutachten, der zur Zeit rigoros verkauft wird. Die letzte Militärregierung der 70er Jahre unter General Velasco Alvarado hatte Staatsbesitz angehäuft als erste Stufe zu einer überfälligen Umstrukturierung des Landes - seiner Moder­nisie­rung, nicht seiner Sozialisierung. Jetzt wird alles verkauft an peruanische Unternehmer, an solche aus den Nachbarländern, an Nordamerikaner, Europäer, Japaner. Die Häfen sollten an den historischen Feind Chile und an Ecuador gehen, erst der Krieg mit Ecuador hat dieses Geschäft unterbunden: die Marine des Kriegsgegners hätte in Lima im eigenen Hafen liegen und sich auf den Decks sonnen können. Gut möglich, daß der Bürgersteig vor meinem Museum von Hotel demnächst einem Kleinsparer aus Hongkong gehört, der Gebühren kassiert und sich damit hier eine neue Existenz aufbaut, bevor Hongkong an China zurück­fällt. - Dieser Ausverkauf, der sich freilich nur ein einziges Mal machen läßt, und der jahrelange, kriegsbedingte Investitionsstau haben zu einem Wirtschaftswachstum von 12% geführt - eine Traumzahl nicht nur für Lateinamerika; eine Zahl, auf der sich der gerade neu gewählte Präsident Alberto Fujimori eine ganze Weile ausruhen kann.

Und Lima wächst weiter, unkontrolliert, längst nicht mehr beherrschbar, nie mehr zu sanieren. Noch immer fließen die Anden über. Landlose Bauern, Arbeiter aufgegebener Berg­werke, Opfer einer Dürre hier, einer Überschwemmung dort kommen täglich in Lima an. Sie vermehren das Heer der hier Beschäftigungslosen, derer, die auf den Müllfeldern nach Verwert­barem suchen. Werden Straßenhändler. Tauchen in die informelle Wirtschaft ab. Produzieren in nirgends gemeldeten und von niemandem kontrollierten Betrieben Gebrauchsgüter und Lebensmittel. Überfluten täglich mit ihren Ständen, Zulie­ferern und Kunden die nach Norden führende Panamericana, so daß kaum noch ein Durchkommen ist. Sind straff und kriminell organisiert. Zahlen der Mafia ihren Tribut. Manche schaffen es: sie werden reich bei dem Handel von Armut zu Armut. Es ist alles nur eine Frage der Größenordnung - millionenfache Armut auf einem Haufen schafft wieder großen Reichtum für wenige. Das legale Wirtschaftssystem wiederholt sich im illegalen.

Genau das hat den Zyniker de Soto dazu gebracht, ein Buch zu schreiben und auf dem Höhepunkt der Terroranschläge von Sendero Luminoso zu veröffentlichen mit dem Titel EL OTRO SENDERO - Der andere Sendero/Der andere Weg. Es wurde ein Bestseller auf dem Höhepunkt der nationalen Ratlosigkeit. De Soto wurde im Ausland herumgereicht als ein Wirtschafts-Wunderdoktor aus der 3. Welt, wo sich in Wirtschaftsinstituten, Parteienstiftungen, privaten Universitäten andere Zyniker um ihn herum versammelten und ihm Beifall spendeten. Er hatte nicht als Wirtschaftswissenschaftler Erfolg, er verkaufte sich als Gegenideologe zu Sendero, als jemand, der auf der tiefsten Talsohle der nationalen Zerrüttung dem weißen Perú sagte, daß es noch eine Zukunft habe. Daß nämlich die Zukunft genau dort läge, wo sich das weiße Perú ohnehin immer am wohlsten gefühlt hat: im unbehinderten, durch nichts reglementierten Unterneh­mer­tum. Die Zeiten seien eben verrückt, das Unterste sei nach oben gerutscht, daraus müsse man lernen: das andere Perú, das aus den Anden zugewanderte, das arme und farbige, das indianische und marginalisierte Perú lebe jetzt die Zukunft in Form dieser illegalen Wirtschaft, deren Kraft es endlich anzuerkennen und die es zu legalisieren gelte. Jeder Arme, Erbärmliche, jeder bislang verachtete Hungerleider sein eigener kleiner Unternehmer: das sei die Zukunft. Das Unternehmertum der Armen beweise wieder einmal die Kreativität des peruani­schen Volkes und die Gültigkeit und Kraft des Unternehmertums dazu. Und de Soto verlor kein Wort darüber, aus welcher Not heraus dieser wild wuchernde, wuselnde, ganze Straßenzüge und die Panamericana zuwachsende, von keiner Gewerbeaufsicht, keiner Hygienebehörde auch nur gelegentlich besuchte, nur von der Mafia kontrollierte, tariffreie und bakterienreiche, riesige Bereich der Schattenwirtschaft geboren worden war in den aufgegebenen Bereichen der Stadt Lima, die der Staat nie mit seiner Fürsorge bedacht hatte. Selbst ein dann und wann patrouillie­render Streifenwagen war zuviel gewesen.

Die Idee zu diesem Buch war im Umkreis eines Schriftstellers entstanden, den sein Ehrgeiz schon früher, wenngleich noch vorsichtig und probeweise, zu den Mächtigen der Politik getrieben hatte: Mario Vargas Llosa, der einzige auch im Ausland bekannte, lebende peruanische Romancier. Bereits 1983 hatte er seine schöne literarische Begabung mißbraucht, indem er mit seinem Ruf und seiner Artikulationskraft versuchte, die bis dahin weiße Weste des Oberbefehlshabers des peruanischen Militärs und damaligen Präsidenten Fernando Belaúnde Terry, mit dem er befreundet war, vor einem häßlichen Fleck zu bewahren: dem vom Militär inszenierten Massaker an acht Journalisten in dem Andendorf Uchurracay, das er zu einer Tat rückständiger, in vorindustrieller Zeitlosigkeit lebender Höhen­bewohner umschrieb.

Llosa, Jahrgang 1936, hat für seine relativ jungen Jahre bereits eine lange, erfolgreiche Karriere hinter sich. Einige seiner Arbeiten schätze ich sehr. Während meiner Vorbereitung auf Perú haben sie mir einst mehr vermittelt als ein gutes Dutzend auch nötiger wissenschaftlicher Publikationen auf die sensible, sensitive, während der Lektüre die Geschmackssinne und selbst die Sexualorgane aktivierenden Art, wie es eben nur gute, stimmige Literatur vermag. Dazwischen freilich gibt es immer wieder fade Arbeiten, die getrost unveröffentlicht hätten bleiben können, und die bald vom Schüttelrost der Literaturgeschichte fallen werden.

Inzwischen ist Don Mario so über sein Heimatland verärgert, daß er die spanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Was hat Don Mario so verärgert? Auch die Geschichte seiner Verärge­rung ist in erster Linie eine Geschichte seines Ehrgeizes. Und sie ist eine Geschichte der peruanischen Präsidenten, die allesamt eher Endprodukte einer literarischen Fiktion denn herkömmliche Politiker sind. Das macht sie, je nach Bauart der Fiktion, die sie verkörpern, so unterschiedlich. Jeder ist seine eigene Fiktion. In ihr schillern sie alle, relativ angenehm die einen, äußerst unangenehm die anderen. Alle aber sind sie höchstens verbal interessiert an einem demokratischen Umbau der noch immer mindestens zweigeteilten Gesellschaft - hier die weißen Bewoh­ner der Städte, dort die Bewohner des tropischen Regenwaldes und die Bauern, Handwerker, Besitzlosen der Andentäler und Hochebenen sowie die Marginalisierten der Städte, die bis zu 50% ihrer Einwohner ausmachen. Sie sind so weit auseinander, kulturgeschichtlich, politisch, ökonomisch, auch sprachlich, so lange waren die einen die Herrscher und die anderen die bloß Gebeutelten, daß sich selten genug ein Träumer findet, der von einer einzigen Nation reden mag.

Sicher wird mir ein staatstragender Peruaner, etwa das Mitglied einer konservativen Partei, das sich von Berufs wegen täglich frisch mit den versprengten Resten eines Nationalgefühls impft, jetzt vorwerfen, ich betriebe eine eurozentristische Karikierung seiner Gesellschaft und ihrer Präsidenten. Deswegen will ich an einigen Beispielen ausführen, was ich mit dem Präsidenten als literarischer Fiktion meine und warum so viele von ihnen Opfer dieser Fiktion werden, um sich gleich darauf an allen ihren Wählern bitter dafür zu rächen:

ihr Erosionsprozess als Persönlichkeit, das heißt ihre Entmensch­lichung und die Umformung ihrer selbst zu einer Fiktion beginnt, wie auch bei uns, während ihrer Laufbahn als Parteipolitiker, die mit dem Status des Präsidentschaftskandida­ten endet; sofern sie den Prozeß nicht abgekürzt und über Nacht ein Zweckbündnis aus Freunden und solchen gegründet haben, die sich von ihrer Wahl allerlei Pfründe versprechen - ein Bündnis, dessen Zweck, nämlich die Durchsetzung dieses einen Kandidaten, mit nur dürftigen politischen Aussagen garniert sein muß.

Spätestens mit der Wahl muß die literarische Kunstfigur des Präsidenten voll ausgebildet sein. Traditionell ist jede Wahl von so vielen Unregelmäßigkeiten, kriminellen Betrügereien und auch unwillentlichen Pfuschereien auf Grund mangelhafter Technik und schlechter Ausbildung von Wahlhelfern begleitet, daß sie eigentlich angefochten werden müßte. Regelmäßig geschieht das nicht, weil es nur jenes Chaos gefährlich ver­größerte, das die Wahl selbst schon verursacht hat - und kurz darauf hat die neue Regierung die Justiz schon so nachdrücklich an die Hand genommen, daß eine juristische Anfechtung sinnlos erscheint. Allein um das zu gewährleisten, muß die Fiktion funktionieren.

Alle Parteien bis auf eine bezweifeln die Rechtmäßigkeit der Wahl. Alle Wähler bis auf die des Präsidenten und seiner Partei (oder seines Zweckbündnisses) sind davon überzeugt, daß auch dieses Mal unlautere Beihilfe im Spiel war - ganz zu schweigen von den zu spät oder gar nicht vorgenommenen Eintragungen ins Wählerverzeichnis, vom häufig praktizierten Stimmenkauf in ländlichen Regionen, in denen Abhängigkeiten greifbar und der Wahlentscheid des Einzelnen leicht zu kontrollieren ist. Auch wissen die meisten Wähler, daß sich die internationalen Wahl­beobachter der OAS (Organisation amerikanischer Staaten) nur deswegen mit ihren Mängelanzeigen zurückhalten, weil sie das Chaos nicht noch vergrößern wollen und weil sie überdies aus Ländern kommen, in denen Wahlen ähnlich verlaufen.

Der neue Präsident muß diese Zweifel und Fragwürdigkeiten schnell überbrücken. Und er muß, wenigstens vorübergehend, die unendliche Müdigkeit des Volkes aufheben, die tiefe Enttäu­schung über das ursprüngliche Wunderwerk Demokratie, die seine Vorgänger verursacht haben. Er muß also stark, neu und faszinierend erscheinen. Er muß ein Hoffnungsträger sein, der einen Kick verursacht. Und was eignet sich dazu besser als eine literarische, die Sinnlichkeit überrumpelnde und die Kritikfähig­keit partiell außer Kraft setzende Fiktion? Als die Kunstfigur eines Präsidenten, ein Präsidenten-Darsteller?

Der letzte Hoffnungsträger für eine überfällige demokratische Erneuerung war 1985 der Generalsekretär der APRA, einer Partei mit langer Geschichte, die Mitglied der sozialistischen Internatio­nale ist. PAJAROS DE ALTO VUELO, "Vögel in großer Flughöhe" nannte der verstorbene Parlamentarier und Essayist Carlos Malpica den folgenden, fünfjährigen Verrat durch diese Partei und den Staatspräsidenten Alan García, der es zur Zeit vorzieht, als politischer Asylant in Kolumbien zu leben. Er war ein Mann der großen, reformerischen Ideen und der noch größeren Worte und Gesten. Er war ein sehr begabter Präsidenten-Darsteller.

Ich erinnere mich an einen Wahlkampfauftritt 1985 im größten Fußballstadion Limas: Alan García steht allein mitten auf dem Rasen. Er zieht das Jackett aus. Er schwenkt es über seinem Kopf und schleudert es weg: dieser Kandidat trägt keine Panzerweste. Dieser Kandidat ist ganz allein, der einsamste Mann im Stadion. Eine hervorragende Zielscheibe. Jeder kann ihn erschießen. Er lebt davon, daß er jedem vertraut und daß er niemanden enttäuscht.

García war eine durch und durch literarische Figur, rhetorisch brillant, ein Meister auf dem Klavier lateinamerikanischer Selbst­darstellung und Stilisierung. So konnte er eine Weile verdecken, daß seine Partei angetreten war, sich endlich einmal in ihrer langen Geschichte wenigstens so schamlos zu bedienen wie andere zuvor - und er selbst auch mit zig Millionen Dollar.

Als die Kunstfigur zerfällt und abtritt, hinterläßt sie einen Berg von Korruptionsaffären; mehrere hundert Tote auf der Gefängnis­insel im Pazifik vor Lima, die sie während eines Aufstandes von der Kriegsmarine mit Bomben belegen ließ; die Strommasten eines Elektrozuges, der längs durch Lima fahren und einen Teil der Verkehrsprobleme lösen sollte, der aber nie gebaut wurde, nachdem die Bestechungsgelder von dem italienischen Konsortium geflossen waren; und ein Wählervolk, das jetzt auch von einer sozialdemokratischen Partei nicht mehr ein einziges Wort hören will. García hat nicht nur seine eigene Partei auf Null gebracht, die Glaubwürdigkeit aller traditionellen Parteien von rechts bis links hat so gelitten, daß sie inzwischen alle zum Konkursrichter gehen mußten. Die traditionelle perua­nische Parteienlandschaft ist nicht nur beschädigt, sie ist zerstört.

Ein paar Tage lang hat dieser "Vogel in großer Flughöhe" es unternommen, die peruanischen Banken zu verstaatlichen - eine seiner populistischen, ja literarischen Akte, den er schnell wieder zurücknahm wie einen verwirkten Satz. Handlungen der Un­eigent­lichkeit. Schritte auf einer Probebühne. Übungsweise Bewegungen eines Darstellers, der sich noch gelegentlich vertut.

In diesem Augenblick betritt der wirkliche Literat die Bühne (der überdies eine ausgeprägte, sehr peruanische Begabung dafür hat, den Literaten darzustellen): Don Mario tritt auf. Seine Frau warnt ihn. Sie erinnert sich noch gut an die Prügel, die er 1983 wegen seines ersten, noch versuchsweisen Eingriffes in die Politik einstecken mußte: das war jenes nicht von der Wahrheit, sondern vom finsteren politischen Zweck diktierte Gutachten im Falle der acht erschlagenen Journalisten von Uchurraccay. Aber weder sein Ehrgeiz noch seine politische Naivität, die miteinander um die Wette laufen, sind zu bremsen. Er veranstaltet Massenver­sammlungen. Er schmiedet ein Rechtsbündnis. Er unternimmt eine Europareise, um auch beim deutschen Arbeitgeberverband Gelder für seine Präsidentschaftskampagne zu sammeln, die auf die Wirtschaftsliberalität und gegen den von den Sozial­demokraten drohenden Kommunismus gerichtet ist. Er redet und redet, schließlich geht ein Literat mit der Sprache um, und genau das ist sein Fehler: er redet viel zu viel.

Denn das Volk ist endgültig des vielen Redens überdrüssig. Alan García hat unablässig geredet, Hoffnungen aufgebaut und schließ­lich alle enttäuscht. Sendero Luminoso hat zwar nie geredet, selten nur ein Kommuniqué veröffentlicht, aber seine Rede waren die Autobomben, die gesprengten Häuser, die Morde. Seine Sprache war die einer fast wortlosen, gewalttätigen Ideologie. Und jetzt ist das Volk so müde wie lange nicht mehr.

Immer haben die marginalisierten Schichten der Städte, und immer hat die indianische Bevölkerung des Regenwaldes und der Anden der schnellen Rede der Weißen mißtraut. Jetzt redet ein weißer Literat. Die Indianer und die Indios glauben ihm nicht. Und wenn er vor den Marginalisierten der Städte spricht, die erbärmlich im Dreck ihrer eigenen Schattenwirtschaft leben, in der sie bloß die Gewaltmechanismen der großen Wirtschaft reproduzieren, und wenn er vor ihnen die Schöpferkraft des freien Unternehmertums preist und sie mit der Freiheit schlecht­hin gleichsetzt, dann fühlen sie sich in ihrem Elend nur verhöhnt. Und auch sie beschließen, ihm nicht zu glauben. Andererseits sehen sie aber keine Alternative zu ihm, und so zeichnet sich doch ein Wahlsieg für Don Mario ab. Perus bekanntester Romancier wird wohl der nächste Präsident werden.

Bis ein bis hierher völlig unbekannter Mann auftaucht: der japanisch­stämmige Rektor der Agraruniversität, Alberto Fujimori. Er verfügt für den Wahlkampf über etliche zusammen­geborgte Dollar und über einen Traktor. Er vertritt keine Partei mit einem ausgewiesenen Programm, er hat Freunde, die ihn stützen. Er redet nicht gegen die Planwirtschaft, er redet nicht für die freie Marktwirtschaft, er redet so gut wie überhaupt nicht. Er sagt bloß: jetzt wird aufgebaut. Wo eine Brücke zerstört ist, wird eine neue Brücke gebaut. Wo eine Schule fehlt, wird eine Schule gebaut. Da überall im Land Brücken gesprengt sind und Schulen fehlen, liefern diese einfachen Sätze eine gültige Beschreibung des Landes und einen Weg nach vorn. Fujimori sitzt auf einem geliehenen Traktor, fährt damit durch Lima und verkündet den Aufbau. Mehr verkündet er nicht. Und gewinnt damit die Wahl.

Der Terrorismusbekämpfung gelingen durch Infiltration einige spektakuläre Verhaftungen, vor allem die von Abimael Guzman, dem Kopf von Sendero. Ein Foto von ihm geht um die Welt: der Chef von Sendero in gestreifter Gefangenenkluft hinter schweren Gittern - ein Foto der Rache, der Häme, des Sieges. Der lange gedemütigte Jäger hat seine Trophäe und stellt sie aus. Für einen rechtsstaatlichen Prozess, der bis heute aussteht, verspricht das Foto nichts Gutes. Mehr noch freilich als durch diese Verhaftun­gen wird Sendero durch das weltweite Wegbrechen des sozialistischen Lagers geschwächt. Auch in Perú zerbröckelt die ideologische Basis. Bald ist Sendero weltweit allein mit der kurdischen PKK, die auch gemeinsam plakatieren. Der Fall der Berliner Mauer ist auch der eigentliche Fall von Sendero. Die Regierung freilich hütet sich, das zu sagen. Der neue Präsident hat Erfolge versprochen, das Volk braucht sie, das Volk nimmt eine weltpolitische Entwicklung als innenpolitischen Erfolg des Präsidenten.

So gibt es auch keinen nennenswerten Widerstand, als Fujimori, in Absprache mit dem Militär, bald das Parlament auflöst. Oder als er seine Frau im Präsidentenpalast einschließen läßt, damit sie keine weiteren Interviews gibt, in denen sie mehr Demokratie anmahnt.

Am 9. April 1995 wird er mit dem Rekordergebnis von 64% aller Stimmen für eine zweite, 5-jährige Legislaturperiode gewählt. Jetzt erklärt er die traditionellen Parteien, die bei der Wahl keine Rolle mehr gespielt haben, für endgültig überholt. Die Zukunft politischer Systeme liege in der von ihm praktizierten Form: in der Ein-Mann-Demokratie. Das ist die Fiktion, von der dieser Präsident lebt: eine Kunstfigur mehr, ein anderer Literat. Seine Fiktion ist einfach, zur Zeit erfolgreich, und sie ist eine Antwort auf die unendliche Müdigkeit des peruanischen Volkes.

Das Militär, mit dem er gegen die demokratischen Institutionen paktiert, hat ihn seit langem gedrängt, eine Amnestie für alle von ihm verübten Verbrechen und Vergehen im Bürgerkrieg der letzten Jahre zu erlassen. Jetzt kommt die Amnestie, die Sinn machte, wenn sie, wie etwa zur Zeit in Südafrika, für alle Seiten gälte und so eine allgemeine Versöhnung ermöglichte. Aber in Péru gehören zu den nachträglich von Schuld und Strafe Freigesprochenen einzig "Militärs, Polizisten und Zivile, die sich ab Mai 1980 im Rahmen des Anti-Terrorkampfes der Verletzun­gen der Menschenrechte schuldig gemacht haben." - Das bedeutet die Freiheit für rund ein Dutzend Verurteilter sowie die Einstellung aller Untersuchungen und Prozesse wegen mehr als eintausend illegaler Hinrichtungen und Massaker durch die Sicherheitskräfte. Es bedeutet nicht die Freilassung eines einzigen der hunderte von Gefangenen der Gegenseite, die auf Grund der Terrorismus-Gesetze verurteilt wurden oder die seit Jahren auf ihren Prozeß warten.

Mit Perú geht es mir seit langem wie mit einer schwierigen Liebe, die kaum zu leben ist. Kaum hat es mich abgestoßen, zieht es mich wieder an. Kaum ist mir der Kopf geplatzt im Elend der Städte, über den neuerlichen Korruptionsaffären, der trotzig nach­wach­senden Hoffnungen seiner Bewohner, der wieder einmal unterbundenen Öffentlichkeit, dem mutigen und ent­schlos­senen UND DENNOCH vieler peruanischer Kollegen - kaum ist er geplatzt, schon will ich ihn wieder hinhalten.

Das einzig Unbeschwerte an dieser Liebe zum Land ist, daß mich das Land nicht braucht.

Ich, der Europäer, bin immer der Nehmer. Ich nehme das Licht in den Anden, die klare Grausamkeit und Schönheit des Hoch­gebirges. Ich nehme mir das unauflösbare Rätsel des tropischen Regenwaldes. Ich hole mir Bescheidenheit ob der Wärme und der Kraft jener, die mehr als einen Grund zur Selbstaufgabe hätten. Ich lerne wieder reden, über Schönheit und Elend, über Kraft und Versagen, wo es mir in meiner samtweich gepolsterten Kölner Bucht doch längst die Sprache verschlagen hatte allein angesichts des völlig schweigsam verlaufenden, schwerbewaffneten Dauerkrieges der Automobilisten auf den Kölner Straßen. 

1995